9. Kapitel – Einbrecher bei Madame Martin

Was vorher geschah…

„Wenn ich dieses vermaledeite Testament nicht bald in den Händen halte, nehme ich die ganze Bude auseinander!“ schrie der eine der beiden Männer voller Wut.

„Was ist mit dem Schlafzimmer? Hast Du das schon durchsucht? Vielleicht hat die Alte es dort versteckt?“

Edwige zuckte zusammen. „Wie die über Madame Martin sprechen! Das ist furchtbar.“

Leo nickte. Sie befürchtete allerdings, dass die Männer noch deutlich Schlimmeres zu tun imstande waren – wenn sie jemanden zu fassen bekamen, der ihnen in die Quere kam. Das Beste war daher ihrer Meinung nach, sich so schnell wie nur möglich aus dem Staube zu machen. Denn es war nur eine Frage der Zeit, bis die beiden Bösewichter unter dem Sofa, dem Versteck von Edwige und Leo – und des Testaments, das die Männer suchten! – nachsehen würden.

„Das Testament – das müssen wir mitnehmen!“ flüsterte Edwige. „Leo, kannst Du das Blatt Papier falten? Ich halte meine Pfote drauf, und Du schlägst das Papier darüber … ja genau so… Vorsicht, es darf nicht rascheln!“

Gemeinsam gelang es den beiden, das Testament mehrmals zusammenzufalten. Dennoch war es auch so immer noch zu groß, als dass Leo es hätte tragen können. Sie hätte sich dann nicht mehr in Edwiges Pelz festhalten können.

„Dann stecke ich das Blatt eben zwischen die Zähne! Und jetzt sehen wir zu, dass wir hier rauskommen. Steig auf, Leo!“ Edwige nahm das Papier ins Maul und schlich unter dem Sofa hervor. Die beiden Gauner waren im Schlafzimmer und zerlegten das Bett von Madame Martin in seine Einzelteile. Sie konnten die Katze von dort aus nicht sehen.

Schnell war Edwige im Flur. Die Wohnung war genauso angeordnet wie die von Zsazsa im ersten Stock, aber sie war natürlich anders eingerichtet. So stand an der Tür kein Tischchen. Edwige sprang deshalb an der Tür hoch, griff die Klinke mit beiden Pfoten und zog sie herunter.

Nichts geschah. Die Tür war von innen abgeschlossen.

Mit einem hässlichen metallenen Geräusch schnappte die Klinke zurück nach oben, während Edwige etwas unsanft auf dem Boden landete. Blitzschnell sah sie sich um und sprang auf die Anrichte, die neben dem großen Spiegel stand, und von dort aus ganz nach oben auf den Garderobenschrank.

Dann robbte sie ganz nach hinten an die Wand, so dass man sie von unten hoffentlich nicht sehen konnte. Sie spuckte das zusammengefaltete Papier, das sie immer noch im Maul trug, aus und holte tief Luft. „Wir sitzen in der Patsche, Leo“ flüsterte sie atemlos.

Die beiden Männer hatten das Klicken der Klinke gehört. „Was war denn das, Jo? Hast Du das auch gehört…?“ Die beiden verließen das Schlafzimmer und kamen in den Flur. Dort öffneten sie den Garderobenschrank, durchwühlten ihn und sahen hinter den Spiegel … aber fanden nichts. Die vor Aufregung zitternde, an die Wand gepresste Edwige oben auf dem Schrank bemerkten sie nicht.

„Ich seh im Bad nach“ sagte der Mann, den Edwige als den „Fahrer“ wiedererkannt hatte.“Wenn ich da jemanden finde – den mache ich zu Mus.“ Er zog eine Pistole aus einem Halfter unter seiner Jacke hervor.

Leo erschauerte. Sie krallte sich noch fester in Edwiges Pelz und biss sich auf die Lippen, um bloß keinen Ton von sich zu geben. Edwige hielt den Atem an.

Der andere Mann – er hieß offenbar Jo und sah älter aus als der Fahrer – lugte durch das Guckloch, den „Spion“, in den Hausflur. „Draußen ist nichts“ sagte er. „Aber vielleicht ist eben jemand durchs Treppenhaus gegangen?“

„Nein“ sagte der Fahrer. „Es war hier, in der Wohnung.“

„Was soll es schon gewesen sein“ meinte Jo. „Vielleicht hat die Heizung geknackt – oder was auch immer. Wir müssen das Testament finden, schließlich können wir uns hier nicht ewig aufhalten. Bald kommen die Nachbarn wieder, und die werden sich wundern, wer wohl hier drin ist! Die Alte ist weg, und das wissen die Nachbarn.“

Und mit einem bedrohlich wirkenden Unterton fügte er hinzu: „Wenn wir Julio heute abend das Testament nicht überbringen, weisst Du ja, was Dir blüht.“

Das bewirkte einen Wutausbruch bei dem Fahrer – in Rage trat er gegen den Garderobenschrank. Dieser, offenbar nicht sonderlich stabil gebaut, öffnete sich an der linken Seite, wodurch das oberste Brett, auf welchem Edwige zusammengekauert saß, aus seiner Halterung sprang – der gesamte Schrank fiel nun mit Getöse in sich zusammen, und damit alles, was er enthielt: Mäntel, Hüte, Schuhe sowie mehrere Taschen – inmitten des Kleiderbergs Edwige, das zusammengefaltete Testament im Maul und Leo festgekrallt im Pelz.

Die beiden Männer fluchten. „Das hatte gerade noch gefehlt!“ wütete Jo. „Aber egal, jetzt durchsuchen wir den ganzen Haufen da. Wer weiss, vielleicht ist das Testament in einem Mantel, oder einer Tasche?“

„Mist, Mist, Mist!“ flüsterte Edwige. „Leo, wo bist Du?“ Die Schildkröte war aus Edwiges Pelz herausgerutscht und unter eine Lage aus Mänteln und Taschen geraten. Nur ihr Kopf ragte zwischen diversen Mänteln noch hervor. „Leo, die Typen finden mich sicher gleich. Bleib hier versteckt oder krabbel in eine Ritze. Wir holen Dich später. Ich muss versuchen, irgendwie mit dem Testament hier rauszukommen. Ok?“ Leo nickte, so gut ihr das unter der Mantellawine möglich war. Sie als winzige Schildkröte würde sich vor den Bösewichtern verstecken können – für Edwige war das unmöglich.

Die Gauner begannen nun, den Kleidungshaufen auseinanderzunehmen.

Da – schon hatte der Fahrer Edwige entdeckt: „Ich hab was! Da ist ’ne Katze! Die hat ein Papier im Maul!“

Er griff nach Edwige und versuchte, sie am Nacken zu packen. Nun schoß Edwige aus dem Kleiderberg hervor. Aufgeplustert und rasend vor wütender Angst warf sich auf den Mann, der versuchte, sie zu greifen. Voller Wucht schlug sie ihm die Krallen ins Gesicht.

Der Mann heulte laut auf und ließ Edwige los. Der andere ergriff den eisernen Schuhanzieher und begann, damit auf Edwige einzuschlagen. Edwige aber war mit einem Satz schon im Wohnzimmer, durch die Katzenklappe hindurch auf dem Balkon und auf dem Balkongeländer – von hier aus sprang sie todesmutig auf den kleinen Fenstersims, von dem aus sie vorher auf den Balkon gelangt waren.

Wie befürchtet war der Sims zu schmal. Edwige rutschte ab – und fiel in die Tiefe! „Das ist das Ende“ dachte sie – und bereitete sich auf den Aufprall vor, während sie sich reflexartig im Fall drehte…

Indes hatten die Nachbarn im zweiten Stock morgens Wäsche vor ihr Fenster gehängt – dies war ein Glück: die Wäscheleinen bremsten Edwiges Sturz. In ein großes rotes Handtuch verheddert landete Edwige schließlich unsanft in den Himbeerbüschen unten an der Hauswand.

Nachdem sie sich aus dem Handtuch herausgewickelt hatte und klopfenden Herzens festgestellt hatte, dass sie noch lebte, überprüfte sie vorsichtig eine nach der anderen ihre Pfoten … zwar war sie von den Himbeerdornen zerkratzt und ihre linke Hinterpfote offenbar verstaucht – gebrochen schien aber nichts.

Wo war das Testament?

Edwige war sich sicher, dass sie es noch im Maul gehabt hatte, als sie vom Balkon gesprungen war. Beim Aufprall auf den Wäscheleinen musste sie es verloren haben… weit konnte es aber nicht sein.

Da – direkt vor dem Kellerfenster sah sie ein zusammengefaltetes Blatt liegen. Edwige humpelte auf das Fenster zu, schnappte sich das Blatt (es war tatsächlich das Testament) und verschwand im Keller. Es gelang ihr, das Kellerfenster von innen wieder zuzudrücken, so dass es von draußen wie geschlossen aussah. Mit Mühe erreichte sie Zsazas Kellerabteil, kroch unter der Holztür hindurch in den kleinen Raum und versteckte sich dort unter einer Plastikplane, mit der Zsazas Teleskop und der Katzenkorb aus Weidenruten abgedeckt waren. Der stechende Schmerz in der Hinterpfote deutete auf eine böse Zerrung, vielleicht sogar Schlimmeres hin. Edwige knurrte leise. In was für eine schlimme Situation war sie da nur gelangt. Und Leo! Sie war immer noch in der Wohnung von Madame Martin – zusammen mit den Bösewichtern!

Letztere waren sicher schon auf der Suche nach ihr und dem Zettel, den sie mitgenommen hatte – lag doch die Vermutung nahe, dass es sich dabei um das gesuchte Testament handelte, da es ja ansonsten nirgends zu finden war.

Da – Edwige hörte Stimmen durchs Treppenhaus dringen. Es waren die beiden Gauner! Waren es wirklich „nur“ Gauner? Sie suchten offenbar Hof und Garten nach ihr und dem Papier ab … ein Glück, dass sie sich in den Keller hatte retten können. Edwige kroch noch tiefer unter die Plane und hoffte, dass die Männer nicht auf den Gedanken kamen, auch den Keller zu durchsuchen…

Das Kellerlicht flammte auf. Die Männer kamen die Kellertreppe hinunter und begannen, die Abteile mit einer Taschenlampe zu durchleuchten. Edwige nahm die letzten ihr verbliebenen Kräfte und all ihren Mut zusammen – und machte sich auf einen Angriff gefasst. Zsazsas Kellerabteil war eines der hinteren; dennoch würde es nicht lange dauern, bis die Bösewichter dort angelangt waren.

Jetzt klappte allerdings oben die Haustür. Eine Nachbarin, Madame Brunet aus dem Erdgeschoß, kam von der Arbeit nach Hause. Sie sah, dass im Keller Licht brannte und kam nun ihrerseits die Treppe hinunter. Dort sah sie die beiden Männer, die nicht ins Haus gehörten.

„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte sie – nicht ohne ein gewisses Misstrauen.

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Madame! Aber nicht nötig – wir haben gerade etwas angeliefert und sollten es hier im Keller ablegen. Wir wollten soeben gehen.“

Edwige hörte, wie die beiden Männer die Kellertreppe hinaufstiegen, dann schlug die Haustür zu. Das Licht im Keller wurde gelöscht – Stille trat ein. Die Männer waren weg.

Aber sie würden wiederkommen – da war sich Edwige sicher.

Obwohl der Schmerz fast unerträglich war, schleppte sich Edwige nun die Treppe hinauf bis in den ersten Stock. Das Testament ließ sie in einer Mauerritze in Zsazsas Keller, mit einem Kieselstein als Tarnung davor. Niemand außer ihr konnte es dort finden.

Die Tür zur Wohnung war immer noch angelehnt. Edwige schaffte es mit letzter Kraft, sie aufzuziehen, in die Wohnung zu kriechen und die Tür hinter sich zu schließen. Dann verlor sie das Bewusstsein.

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