10. Kapitel – Eingekesselt

Was vorher geschah…

Als Edwige zu sich kam, saß Luzi neben ihr und leckte ihr das Gesicht. „Edwige!“ rief er. „Edwige, was ist Dir? Wo ist Leo?“ Edwige wollte aufspringen, aber ihre Pfote schmerzte zu sehr. Sie stöhnte.

„Leo ist noch oben in der Wohnung von  Madame Martin gefangen! Ich musste über den Balkon fliehen und bin abgestürzt.“ Sie verstummte. Alles tat ihr weh und ihr war speiübel. Mit einem Schlag wurde ihr klar, in was für eine Gefahr sie und Leo sich begeben hatten.

„Wieso musstest Du dort flüchten? Was ist passiert? Und wieso ist Leo dageblieben?“ fragte Luzi voller Sorge.

In knappen Worten schilderte Edwige die Situation. Luzi war fassungslos.

„Diese beiden Männer – das sind Verbrecher! Ganz sicher sind das sogar Schwerverbrecher. Vielleicht haben sie Madame Martin auf dem Gewissen – und wollen jetzt an ihr Erbe! Wie holen wir Leo aus dieser Wohnung? Es wird schon Abend – seit heute früh ist sie nun da drin! Ganz sicher kommen die Männer heute Nacht wieder, um das Testament zu suchen!“ Voller Schrecken sprang Luzi auf und begann, nervös im Kreis zu laufen …

Ein Kratzen an der Haustür schreckte Edwige und Luzi auf. Waren das die beiden Schurken?

Ein zartes Stimmchen erklang hinter der Tür. „Ich bins, Leo! Macht mir auf … ich bin da oben von allein rausgekommen – der Spalt unter der Tür war groß genug für mich. Ich habe Stunden gebraucht, um aus dem Klamottenberg herauszukommen und dann über die Treppe hier in den ersten Stock herunterzukommen…“

Edwige erklärte Luzi, wie die Etagentür zu öffnen war. Sie selber konnte nicht mehr aufstehen, ihr Hinterbein war nun stark geschwollen und schmerzte sehr.

Leo sah sehr müde aus, und voller Sorge. Bis jetzt wusste sie ja nicht einmal, was aus Edwige geworden war, und ob sie es geschafft hatte, den Bösewichtern zu entkommen. Nun brach sie in Tränen aus, als sie Edwige verletzt im Flur liegen sah. Aber sie weinte auch ein bisschen aus Erleichterung – denn Edwige war da. Die beiden Männer hatten sie nicht erwischt!

Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Angsterfüllt starrten die drei Freunde auf die Tür. Diese öffnete sich mit einem Knarren – und Zsazsa betrat die Wohnung.

Sie sah gleich, dass ein Unglück geschehen sein musste. Edwige lag bewegungslos auf dem Parkett, Luzi und Leo saßen direkt neben ihr …

Zsazsa kniete sich zu Edwige auf den Boden und streichelte sie vorsichtig. Als sie die linke Hinterpfote leicht berührte, zuckte Edwige zusammen und fauchte. Es war klar, dass Edwige sofort behandelt werden musste.

„Ich hole jetzt den Katzenkorb aus dem Keller, und dann fahre ich Edwige zum Tierarzt. Ich hoffe, Edwige muss nicht operiert werden …“ sagte Zsazsa besorgt.

Edwige nickte Luzi und Leo zu. „Bitte geht mit runter in den Keller, holt das Papier aus dem Versteck und bringt es rauf. Es darf nicht dort im Keller bleiben – schließlich ist es ein wichtiges Beweisstück!“

Als Zsazsa die Tür öffnete, um den Korb aus dem Keller zu holen, wand Luzi sich geschickt durch den Türspalt – Leo fest in sein Nackenfell geklammert. Zsazsa stieß einen Schreckensschrei aus: sie befürchtete, Luzi würde durchs Treppenhaus ins Freie entweichen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden, obwohl er von seiner Krankheit noch nicht genesen war. Aber der Kater schlich ihr – in gebührendem Abstand – über die Treppe bis in den Keller hinterher, so als wolle er sie begleiten.

Im Keller angelangt nahm Zsazsa den Weidenkorb an sich. Sie wollte schon umkehren, da bemerkte sie, dass Luzi an der Kellerwand kratzte und Leo offenbar ein Eckchen Papier im Maul hatte, welches sie aus einer Mauerritze herauszuzerren versuchte.

Zsazsa beugte sich zu der Schildkröte hinunter und ergriff das Papier. Ein beschriebenes Blatt kam aus dem Mauerspalt hervor. Erwartungsvoll blickten Leo und Luzi zu Zsazsa hoch. Wollte sie nicht lesen, was auf dem Papier stand?

Zsazsa größte Sorge war indessen die verletzte Edwige. Sie steckte das Papier in die Hosentasche, um es später genauer anzusehen, nahm den Weidenkorb und sagte zu Leo und Luzi: „Kommt Ihr beiden!“

Leo und Luzi folgten ihr tatsächlich bis zurück in die Wohnung. Dort ließ Edwige sich fast ohne Gegenwehr – wenn man vom Fauchen und Knurren absah – in den Korb verfrachten. Als Zsazsa die Wohnung mit dem Katzenkorb verließ, rief Edwige Leo und Luzi zu: „Unten im Küchenschrank ist das Katzenfutter. Ich hoffe, Ihr wisst, wie man Dosen aufmacht!“

Mehrere Stunden später – es war mittlerweile fast Nacht – öffnete sich die Haustür. Zsazsa war zurück, und mit ihr eine schlafende Edwige. „Edwige hat sich schwer verletzt,“ sagte Zsazsa zu Leo und Luzi, die im Wohnzimmer auf sie gewartet hatten. „Ihr Beinchen ist verstaucht, und eine Gehirnerschütterung hat sie noch dazu. Wie ist das nur passiert? Die Tierärztin hat das Bein in Narkose geschient. Edwige muss sich nun ausschlafen.“

Resigniert fügte sie hinzu: „Bald können wir hier eine Tierklinik aufmachen.“

Sie stellte den Korb neben das Sofa und öffnete ihn. Edwige rührte sich nicht. Zsazsa ließ sich auf das Sofa fallen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie sah so müde aus… Luzi vergaß seine Scheu vor Menschen und gab Zsazsa zum Trost einen leichten Stups mit dem Kopf. Leo krabbelte auf ihren Schoß und sah erwartungsvoll zu ihr hoch. Vielleicht würde Zsazsa so merken, dass Leo heute Abend noch nichts zu fressen bekommen hatte…?

Zsazsa besann sich in der Tat und schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Natürlich, Euer Futter!“ Sie stand auf und ging in die Küche – dort stieß sie einen Schrei aus. Luzi hatte sich am Katzenfutter selbst bedient, aber weder einen Teller benutzt noch nach dem Essen „abgeräumt“. Die Küche sah mit den großzügig verteilten Katzenfutterresten aus wie ein Schlachtfeld. Schuldbewusst sah Luzi zu Boden.

„Das mache ich morgen sauber“ seufzte Zsazsa. Sie stellte Leo ihr Schildkrötenfutter hin – Leo bemerkte voller Freude, dass wieder Sepiaschale dabei war! – und ging dann ins Bad, um ihren Schlafanzug anzuziehen.

„Was ist denn das?“ sagte Zsazsa zu sich selbst, als das zusammengeknüllte Blatt Papier aus ihrer Hosentasche auf den Badezimmerboden fiel. Sie hob das Papier auf und faltete es auseinander. Nun fiel ihr wieder ein, dass Leo und Luzi es im Keller aus dem Mauerspalt gezogen hatten. Etwas Wichtiges konnte es eigentlich nicht sein …

Dann sah sie, dass es sich bei dem verschmutzten, an mehreren Stellen unerfindlicherweise mit Biss-Spuren versehenen Dokument um das Testament von Madame Martin handelte. Es vermachte das gesamte Vermögen von Madame Martin einem gewissen Herrn Remy Jerkonow.

Verwundert sah Zsazsa auf. Dieser Name sagte ihr gar nichts. Es war jedoch durchaus möglich, dass es sich bei Herrn Jerkonov um einen entfernten Cousin von Madame Martin handelte – er musste ja nicht den selben Namen wie sie tragen. Zsazsa nahm sich vor, das Testament gleich morgen zur Hausverwaltung zu bringen – diese musste wissen, in welches Krankenhaus Madame Martin gebracht worden war. Vielleicht erfuhr sie dort auch, wie es Madame Martin ging?

Gähnend legte Zsazsa das Blatt Papier auf das Beistelltischchen neben der Wohnungstür, um es morgen nicht zu vergessen. Nun sah sie noch einmal nach Edwige, die zwar wach, aber immer noch recht mitgenommen von der Narkose war, deckte sie mit einer weichen Decke zu, damit sie nicht fror, und ging ins Schlafzimmer.

Dort legte sie eine Schallplatte auf ihr Grammophon und schaltete das altmodische Gerät ein. Mit wohligem Knistern setzte das von Edwige so geliebte „Veronika, der Lenz ist da“ ein. Zsazsa hoffte, dass die vertraute Musik Edwige – und ihr selbst – wohl tun würde. Dann legte sie sich ins Bett, schlug den vor ein paar Tagen begonnenen Roman auf und schlief nach nur zwei Sätzen ein.

Leo und Luzi setzten sich neben Edwige auf das Sofa. Ratlos sahen sie sich an. Was war zu tun? Zsazsa hatte das Testament an sich genommen, aber nicht begriffen, dass es damit offenbar nicht mit rechten Dingen zuging. Wie sollten sie Zsazsa erklären, dass oben in Madame Martins Wohnung zwei fremde Männer eingebrochen waren – halt: waren sie dort wirklich eingebrochen? Die Tür war nicht beschädigt gewesen… es stand also zu vermuten, dass die Männer sogar einen Schlüssel zu der Wohnung hatten. Hatte Madame Martin ihnen den freiwillig überlassen? Oder hatten sie den Schlüssel entwendet?

Leo fand, dies aufzuklären sei Sache der Polizei. Luzi gab ein verächtliches Knurren von sich. „Die Polizei, ja ja. Dass ich nicht lache! Die interessieren sich für so etwas bestimmt nicht.“ Leo war nicht dieser Meinung. „Wenn Du gesehen hättest, was die Gauner oben in der Wohnung angerichtet haben – das ist mehr als verdächtig. Wir müssen die Polizei verständigen!“

Ein Geräusch drang aus dem Treppenhaus. Es waren Schritte. Durch den Spalt unter der Etagentür drang indessen kein Licht in die Wohnung: im Treppenhaus war alles dunkel. Die Schritte kamen näher – und waren nun im ersten Stock vor Zsazsa Wohnung! Leo und Luzi stockte der Atem – was, wenn das die beiden Bösewichter waren? Aber die Schritte entfernten sich; die Person – oder waren es mehrere? – stieg nun offenbar in den zweiten Stock hoch.

Leo nahm all ihren Mut zusammen. Sie sprang vom Sofa, lief zur Wohnungstür und krabbelte unter der Tür hindurch ins Treppenhaus. Vom Treppenabsatz aus konnte sie einen großen Teil der Stiege überblicken, die hinauf in den zweiten Stock führte. Auf dieser erblickte sie, fast schon im zweiten Stock angelangt, zwei Schatten.

Es waren ohne jeden Zweifel die beiden Männer, die heute vormittag in Madame Martins Wohnung nach dem Testament gesucht hatten. Eine Taschenlampe in Händen, die einen schmalen Lichtkegel auf die Treppe vor ihnen warf, hatten die beiden offenbar vor, ein weiteres Mal in die Wohnung von Madame Martin einzudringen!

Leo hatte genug gesehen. Sie schlüpfte durch den Türspalt zurück in die Wohnung. „Wir müssen die Polizei holen!“ zischte sie Luzi zu. „Die beiden Gangster sind wieder da! Sie gehen gerade hoch in den dritten Stock!“

Leo lief zum Katzenkorb, in dem Edwige immer noch zugedeckt lag. Edwige war aus der Narkose erwacht, konnte aber noch nicht aufstehen. Sie flüsterte: „Ihr müsst das Telephon finden und die Notfallnummer wählen!“

Dies war zwar grundsätzlich eine gute Idee, aber was sollten sie sagen, wenn am anderen Ende der Leitung jemand abhob? Miau? Es war unwahrscheinlich, dass die Polizei verstand, was sie sagten… Dennoch nahm Leo das kleine Gerät, mit dem Zsazsa sonst telephonierte, an sich und brachte es Edwige. Vielleicht konnte sie ja damit umgehen?

Dann sah Leo sich unschlüssig nach Luzi um. Dieser stand an der Wohnungstür – und erklärte, er wolle nun nach oben in den dritten Stock, um dort „nach dem Rechten zu sehen“.

Leo schüttelte den Kopf und rief „Das ist zu gefährlich!“, aber da hatte Luzi schon die Tür geöffnet. Dunkel und ruhig lag das Treppenhaus vor ihm. Auf Zehenspitzen schlich Luzi aus der Wohnung heraus und lief die Treppe hinauf.

Im dritten Stock angelangt bemerkte er sofort, dass in der Wohnung Leute zugegen waren, die offensichtlich etwas suchten. Durch den Spalt unter der Tür sah Luzi, dass man das  Licht in der Wohnung nicht angeschaltet hatte, sondern dass man mit Taschenlampen durch die Zimmer ging. Luzis Herz begann, wie wild zu pochen. In Madame Martins Wohnung waren tatsächlich die beiden Einbrecher am Werk!

Was war zu tun? Wie konnten sie nur Hilfe holen…? Sollte er die Nachbarn im 4. Stock aufwecken? Und dann? Würden sie verstehen, dass sie die Polizei rufen sollten …? Dies war unwahrscheinlich. Während er noch nach einer Eingebung suchte, trat Luzi einen Schritt von der Tür zurück in den Gang – und stieß an die hohe Porzellanvase, die Madame Martin und gelegentlichem Besuch als Schirmständer diente. Die Vase kippte um, rollte an den Treppenabsatz, fiel auf die erste Stufe, dann die zweite – und zerschellte auf der Mitte der Treppe unter ohrenbetäubenden Getöse.

Starr vor Schreck stand Luzi auf dem Treppenabsatz. Dann sprang er voller Panik die Treppe hinunter – in diesem Moment hatten die Einbrecher aber bereits die Tür geöffnet, mit der Taschenlampe das Treppenhaus durchleuchtet und den Kater erblickt.

„Da ist wieder so eine verfluchte Katze! Wie heute vormittag, die mit dem Zettel im Maul! Diesmal greife ich mir dieses Mistvieh, und das überlebt das Biest nicht. Ich bin sicher, es hat etwas mit dem Testament zu tun!“ flüsterte der Fahrer voller Wut. Er verließ die Wohnung von Madame Martin und rannte so schnell und so leise wie möglich die Treppe hinunter. Er sah, wie Luzi im ersten Stock in Zsazsas Wohnung verschwand und drückte sich gegen die Tür, die Luzi mit Leos Hilfe hinter sich ins Schloß geworfen hatte. Die Tür war zu – aber nicht verschlossen!

Hinter der Tür, mit klopfendem Herzen und rasendem Atem, saß Luzi. „Sie haben mich entdeckt“ flüsterte er Leo zu, die sich mit weit aufgerissenen Augen gegen die Tür stemmte –  so als wäre sie, eine winzige Schidkröte, imstande, die Tür gegen den Angriff der beiden Verbrecher, die sich draußen im Treppenhaus befanden, zu verteidigen.

Der andere Gauner war indessen auch im ersten Stock angelangt und versuchte, seinen Kumpanen wieder nach oben in Madame Martins Wohnung zu holen.

„Remy, das ist sinnloser Blödsinn, was Du hier tust! Du wirst das ganze Haus aufwecken! Lass diese bescheuerte Katze in Ruhe, was soll die denn mit dem Testament zu tun haben?!“

Der mit „Remy“ angesprochene Mann – war das nicht der Name, der auf dem Testament stand? – ließ jedoch nicht locker. „Die Katze hat das Testament. Und sie ist da in dieser Wohnung drin! Ich garantiere es Dir. Mein Bauchgefühl hat mich noch niemals getrogen! Das Vieh schnapp ich mir!“

Der Mann schien etwas aus seiner Jackentasche herauszuholen, dann erklang ein Kratzen an der Tür. Offenbar versuchte der Schurke, die Tür mit einer Kreditkarte oder etwas Ähnlichem zu öffnen!

Der andere Gauner schien ihn davon abhalten zu wollen. „Du spinnst doch! Ich sag Dir – das ist das erste und einzige Mal, dass ich mit Dir zusammenarbeite! Du gehörst in die Klapsmühle!“

Remy rüttelte nun an der Tür. Luzi wusste, dass man so Türen aufbrechen konnte, die nur ins Schloß gefallen und nicht abgeschlossen waren. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Tür auf war. Verzweifelt sah er sich um. Das Testament lag noch auf dem Beistelltischchen. Er schnappte es an einer Ecke und zog es vom Tisch herunter. Das Blatt schwebte durch den Flur bis zur Küchentür – dort glitt es zu Boden und kam halb hinter dem Mülleimer zu liegen.

„Leo, wir müssen uns verstecken!“ zischte Luzi seiner Freundin zu. Diese war war bereits unter dem Sofa verschwunden und winkte Luzi verzweifelt zu. Das Sofa erschien ihr noch als das sicherste Versteck.

Mit einem Sprung war Luzi ebenfalls unter dem Sofa, neben dem der Katzenkorb mit Edwige stand. Leo flüsterte Luzi zu: „Der Verbrecher sucht doch ausgerechnet Dich und Edwige! Wenn er den Korb sieht, weiss er, dass Ihr hier seid. Wir müssen den Korb wegschieben!“

Unter Aufbietung aller Kräfte gelang es Leo und Luzi, den Korb mit Edwige darin hinter die Flügeltür zu schieben. Dort war sie zwar in unmittelbarer Nähe des Flurs und der Wohnungstür, aber sie war hinter der Flügeltür nicht zu sehen.

Leo und Luzi hatten sich gerade wieder in ihr Versteck unter dem Sofa geflüchtet, da sprang die Wohnungstür auf und die beiden Verbrecher standen in der Wohnung.

Edwige zischte aus dem Korb – für die Einbrecher unhörbar – „Jetzt reicht es mir. Ich rufe die Polizei!“ Sie entriegelte das Telephon (zum Glück hatte sie sich den Code, den Zsazsa eingab, bevor sie das Gerät benutzte, abgeguckt und gemerkt) und tippte die Notfallnummer der Polizei ein. Eine freundliche Polizistin meldete sich. „Bitte nennen Sie die Art des polizeilichen Notfalls“ sagte sie. „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Edwige konnte zwar nichts antworten, die Polizistin konnte aber durch das Telephon deutlich das schwere, angstvolle Atmen der Katze hören. Sie sagte beruhigend „Bitte legen Sie nicht auf. Wir versuchen, Ihnen zu helfen.“

In diesem Augenblick begannen die Einbrecher, Schubladen und Schranktüren aufzuziehen und zu durchsuchen, und sich wütende Bemerkungen zuzuflüstern. Obwohl sie versuchten, dabei keinen Lärm zu verursachen, waren doch verdächtige Geräusche durchs Telephon zu hören. Eine einfache Recherche ließ die Polizistin schnell die Adresse von Zsazsa herausfinden. Sie sagte „Bitte bleiben Sie am Telephon. Wir haben Ihren Standort in der Nummer 75, rue de Gergovie ausgemacht. Wir schicken Ihnen sofort einen Streifenwagen.“

Nun war Remy ins Wohnzimmer gegangen und suchte dort nach dem Testament. Dort fiel ihm ein kleines Stückchen Katzenschwanz auf, das unter dem Sofa hervorguckte. Wutschnaubend warf er sich der Länge nach auf den Boden und griff unter das Sofa, wo er in der Tat den vor Angst zitternden Luzi erfasste.

Luzi fühlte, wie zwei Hände ihn packten und versuchten, unter dem Sofa hervorzuziehen. Reflexartig schlug er alle Krallen auf einmal in die muskulösen Arme des Schurken. Dieser ließ allerdings wider Erwarten nicht los, sondern zog den Kater unter dem Sofa hervor. „Ich hab ihn!“ schrie er triumphierend seinem Kumpel zu. Luzi raste vor Wut. Er verbiss sich in den Arm seines Angreifers – dieser stieß einen Schmerzenschrei aus und ließ den Kater fallen. Laut fluchend lief er Luzi hinterher, der durch die erstbeste Türöffnung eilte – durch die Küchentür. Dort sprang er erst auf die Küchenanrichte und von dort aus auf den Hängeschrank, der über eine Aussparung in der Wand mit dem kleinen Zimmer, in dem er und Leo sonst untergebracht waren, kommunizierte.

Remy rannte nun seinerseits in die Küche, bemerkte die Katzenfutterreste auf dam Boden nicht, glitt darauf aus und schlug der Länge nach auf die Fliesen. Dabei kam er mit dem Kopf auf dem Mülleimer auf und blieb bewusstlos liegen.

Sein Kumpan Jo wollte ihm zur Hilfe eilen – da aber betrat die vom Lärm nun aufgeweckte Zsazsa im langen weissen Nachthemd den Flur, während Luzi aus dem Nebenzimmer herausschoss und Zsazsa auf den Arm sprang. Dieser Anblick – eine schlanke weissgekleidete Frauengestalt mit einer buschigen schwarzer Katze auf der Schulter – ließ den Einbrecher erschauern. Er rannte in seiner Furcht erst gegen die geschlossene Wohnungstür, fand dann die Klinke und riss die Tür auf. Dann stolperte er die Treppe hinunter bis ins Erdgeschoß, wo er von der eben eingetroffenen Polizeistreife in Empfang genommen wurde.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt:

Jo und Remy wurden augenblicklich von der Polizei festgenommen und das Testament sichergestellt. Seitdem warten die beiden Schurken in Untersuchungshaft auf ihren Prozess.

Madame Martin war lange Zeit im Krankenhaus auf der Intensivstation. Remy hatte es geschafft, ihr Vertrauen zu erschleichen, ein Testament auf sich ausstellen zu lassen und dann einen Unfall vorzutäuschen, den Madame Martin eigentlich nicht überleben sollte. Heute geht es der alten Dame wieder gut.

Bis jetzt ist der Polizei schleierhaft, wer sie eigentlich zu dem Einsatz in der rue de Gergovie gerufen hatte. Zsazsa hatte erklärt, sie habe die Notfallnummer nicht gewählt – erst der Lärm in der Küche, als der Einbrecher auf dem Katzenfutter ausgerutscht sei, habe sie geweckt. Sonst sei außer den Einbrechern niemand in der Wohnung gewesen – wenn man mal von den beiden Katzen und der Schildkröte absehe.

Beide Einbrecher hatten bestritten, die Polizei angerufen zu haben – auch wenn sich dies strafmindernd für sie ausgewirkt hätte. Jo erklärt bis heute, die Wohnung sei verhext gewesen und irgendein „Dämon“ müsse die Polizei alarmiert haben.

Er für seinen Teil habe dort seinen letzten Einbruch verübt. Er hänge den Verbrecherberuf an den Nagel und werde, sobald er seine Strafe abgesessen habe, nur noch rechtschaffener Arbeit nachgehen.

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