27. Kapitel – Auf der Suche

I.
Es war 3 Uhr früh. Luzi drehte sich im Bett von einer Seite auf die andere und fand keinen Schlaf. Sobald er die Augen schloss, sah er die Entführung von Edwige ablaufen – er konnte die Bilder in seinem Kopf einfach nicht abstellen.

Wo war Edwige? Wie ging es ihr? Hatten Merlin und Leo ihr zur Hilfe kommen können? Was hatte der schreckliche Mann, der Edwige mitgenommen hatte, mit ihr vor – was hatte er ihr und den Freunden vielleicht schon angetan? Luzi warf sich gequält hin und her – es war unerträglich, so gar nichts tun zu können! Fieberhaft dachte der Kater nach. Wie konnte er seine Freunde nur wiederfinden?

Der Entführer war mit dem Auto, von dem Luzi nur das Kennzeichen hatte, weggefahren. Er konnte nun überall sein… Es gab keinerlei Fährte, die Luzi hätte verfolgen können. Der Kater seufzte und schlug sich die Pfoten vors Gesicht.

Doch halt! Musste der Entführer sich nicht, bevor er Edwige in seinem Netz gefangen hatte, schon eine gewisse Zeit auf dem Platz aufgehalten haben? Wie es aussah, musste er doch die Tat zumindest kurzfristig geplant und überlegt haben – schließlich hatte er den günstigsten Moment, um die Katze einzufangen, abgewartet: das Ende des Konzerts, als alle Einnahmen im Wagen lagen und Edwige nicht mehr so wachsam gewesen war. Auch hatte er alles dabeigehabt, was zu so einer Missetat notwendig war: ein Netz, einen ausbruchssicheren Kasten, und ein Fluchtfahrzeug!

Möglicherweise war er nur zufällig auf Edwige aufmerksam geworden – ganz sicher aber hatte er sich nicht nur wenige Minuten – sozusagen im Vorbeigehen – auf dem Platz aufgehalten. Irgendetwas hatte er dort zu schaffen gehabt, sonst wäre er nicht mit seinem Lieferwagen dagewesen. Vielleicht kannte man ihn an der Piazza della Signoria? War er möglicherweise vor der Tat von jemandem beobachtet worden, der Anhaltspunkte liefern konnte? Es gab auf dem Platz vielleicht doch noch Spuren, die Luzi zu seinen Freunden führen konnten!

Der Kater beschloss, trotz der nächtlichen Stunde sofort aufzustehen. Er sprang aus dem Bett, ergriff seinen kleinen Militärbeutel, steckte die Suche nach der verlorenen Zeit hinein und warf sich den Beutel über die Schulter. Bevor er aus der Tür schlüpfte, flüsterte er Alice, die wie immer nur im leichten Halbschlaf döste, zu: “Ich muss meine Freunde suchen. Ich weiß nicht, wann ich wiederkomme, und ob ich überhaupt wiederkomme. Pass gut auf Dante und Mara auf!“

Die blinde Katze nickte ihm zu. „Sei vorsichtig!“ wisperte sie. „Und gib uns Bescheid – egal wie!“ Dann steckte sie Luzi ein kleines, zusammengefaltetes Papier zu, das sie unter ihrem Kissen versteckt gehalten hatte… sie musste gewusst haben, dass Luzi sich alsbald auf die Suche nach seinen Freunden begeben würde. Was stand nur auf dem Papier? Luzi hatte keine Zeit, es sich anzusehen und stopfte es in seine Tasche. Dankbar legte er seine Pfote auf die von Alice.

Dann sprang er durch den kleinen Garten auf die nebelverhangene, dunkle Straße – in Richtung Ponte Vecchio und Piazza della Signoria. Schnell hatten die kalten grauen Schwaden den Kater mit dem löchrigen Militärbeutel, den er fest an sich drückte, verschluckt.

II.
Die alte Dame sah durch den Nebel vor ihrem Küchenfenster hinaus auf die Straße. Um 6 Uhr früh begannen die Geschäfte, für die frisch eingetroffenen Lieferungen ihre Türen zu öffnen. Schemenhaft konnte man den Bäcker sehen, wie er seine Mehlsäcke einen nach dem anderen in die Backstube schleppte. Dem Schuhladen nebenan hatte man offenbar neue Ware gebracht, wenn man nach den riesigen Bündeln urteilte, die auf dem Bürgersteig neben dem Ladeneingang standen. Es wurde Herbst – die neue Kollektion musste angekommen sein.

Das Café an der Ecke hatte zu dieser frühen Stunde sogar schon geöffnet. Der Duft frischen Espressos drang durch den Nebel bis zum zweiten Stock herauf – oder bildete sie sich das nur ein? Ein paar Frühaufsteher – aber es konnten auch die Arbeiter von der Nachtschicht sein, die sich nach getaner Arbeit ein wohlverdientes Frühstück gönnten, bevor sie nach Hause ins Bett wankten – saßen trotz des ungemütlichen Wetters auf der Terrasse unter den Wärmestrahlern und nippten an ihrem Kaffee.

Es wäre wohl schön gewesen, jetzt auch einen großen Milchkaffee und ein Croissant zu bestellen und im Café sitzend den Tag, so diesig er auch war, zu begrüßen, dachte die alte Frau … aber die kühle Herbstluft und der Nebel schreckten sie doch ab, nach unten zu gehen. Sie konnte auch morgen oder übermorgen ins Café Frühstücken gehen … sie hatte Zeit. Für sie war jeder Morgen gleich. Gestern, heute, morgen – es machte keinen Unterschied.

Sie war ohnehin noch im Morgenmantel, dessen Gürtel sie nun fester zuzog, denn die Kälte kroch unbarmherzig unter den altmodischen, beige-geblümten Frotteestoff. Ein Blick auf das Außenthermometer vor dem Küchenfenster zeigte ihr, was sie gern verdrängt hätte: 12 Grad Celsius. Der Spätsommer war endgültig vorbei. Sie seufzte. Wieder ein Sommer … wie viele mochten noch bleiben?

Sie schüttelte den Kopf, um derlei unangenehme und im übrigen auch völlig überflüssige Gedanken loszuwerden und schraubte die Espressokanne auf. Sie klopfte den Kaffeesatz vom Vortag heraus, spülte die Kanne aus und füllte neues Wasser und Kaffeepulver ein. Der Gasherd flammte auf – und schon bald begann die Kanne zu pfeifen und zu zischen.
Signora Conti goß sich ihren Kaffee in ein kleines Glas, dazu ein wenig Milch und viel Zucker. Sie liebte es, so ihren Tag zu beginnen – am besten in der örtlichen Tageszeitung schmökernd. Die Lektüre machte sie meist so müde, dass gleich nach dem Frühstück Zeit war, einen längeren Vormittagsschlaf zu halten, der das Mittagessen einläutete, gefolgt vom Mittagsschlaf…

Heute war jedoch für diese Art Schlendrian keine Zeit! Der Commissaria war eingefallen, dass sie nach der gestern auf der Piazza della Signoria entführten Katze fahnden wollte – eine willkommene Gelegenheit, aus ihrem eintönigen Trott herauszukommen. Schnell nahm sie das Baguette vom Vortag aus dem Brotkasten, drückte etwas darauf herum – es war tatsächlich noch genießbar – schnitt es in zwei große Hälften und löffelte so viel Marmelade darauf, wie nur ging. Die köstliche Mirabellenmarmelade, die ihre Nichte Lisa ihr eingekocht hatte, ging leider viel zu schnell zur Neige…

Eine Stunde später stand Commissaria a.D. Eva Conti, mit ihrem Regenschirm bewaffnet, der ihr (was sie indessen nicht einmal sich selbst eingestanden hätte) immer öfter als Gehstock diente, vor ihrer Haustür auf der Straße und schickte sich an, mit dem Auto, das sie von ihrer Nichte für den Tag ausgeliehen hatte, zur Piazza delle Signoria zu fahren.

III.
Seit dem Morgengrauen saß der Kater, in eine Nische am Fuße der den Platz einfassenden Häuser gepresst, dem Brunnen mit der Neptunstatue gegenüber – eben dort, wo Edwige am Tag zuvor entführt worden war. Er beobachtete jeden, der hier vorbeiging oder sich gar länger vor dem Brunnen aufhielt, genauestens. Auch jedes Fahrzeug, das vorbeifuhr oder parkte, prägte er sich ein. Vielleicht fiel ihm irgendetwas auf, das ihm einen Hinweis auf den Halunken von gestern geben konnte? War es möglich, dass der Schurke gar zum Ort seiner Missetat zurückkehrte? Es hieß ja, dass es Verbrecher immer wieder zum Tatort zurückzog…

Der Nebel hatte sich mittlerweile gelichtet und die leisen Sonnenstrahlen, die sich einen Weg durch die graue Wolkendecke bahnten, ließen Luzi erst bemerken, wie kalt es in seiner Mauernische war. Wenn er sich nur in der Sonne hätte aufwärmen können! Aber zum einen war die Sonne dafür noch gar nicht intensiv genug – zum anderen wollte Luzi auch eigentlich sein Versteck nicht verlassen. Die Kälte kroch jedoch an ihm hoch und geradezu unter seinen Pelz – er musste sich eingestehen, dass er am ganzen Körper zitterte, so kalt war ihm.

„Ich laufe einfach einmal um den Platz herum,“ sagte er zu sich selbst. „Irgendwie muss ich mich ja aufwärmen – sonst friere ich hier noch fest… Und vielleicht sehe ich dann doch mehr als nur von hier aus.“ Vorsichtig, damit er nicht entdeckt wurde, kroch Luzi aus der kleinen Nische hervor. So eng es nur ging presste er sich an die Hauswand und lief mit steifen Schritten los. Die Kälte hatte seine Muskeln regelrecht gelähmt. Nach ein paar Sprüngen lief er jedoch geschmeidig über den Platz.

Da! Ein dreirädriges Auto parkte soeben mit etwa Mühe hinter dem Brunnen – von der anderen Seite des Platzes aus hatte Luzi es gar nicht gesehen! Allerdings war dieses Auto nicht hellgrün wie das des Entführers, sondern himmelblau. Ein Carabiniere in der üblichen blauen Uniform, der bisher am Brunnen gestanden hatte, ging eiligen Schritts auf das Fahrzeug zu, während er seinen Notizblock zückte, um einen Strafzettel auszustellen. Nun stieg unter Protest aus der Fahrerkabine eine ältere Dame aus und lief gestikulierend auf den Carabiniere zu.

„Ich bitte Sie, Herr Kollege – ich bin dienstlich hier!“ rief sie. Dann kramte sie in ihrer Handtasche und hielt schließlich dem Polizisten ein vergilbtes Papier unter die Nase. „Gestatten, Commissiaria Conti, Kriminalpolizei. Ich ermittle in einem Fall, und muss daher hier kurz parken.“

Der Carabiniere kratzte sich ratlos am Kopf. „Signora, wenn ich richtig sehe, sind Sie seit über 17 Jahren außer Dienst… so steht es hier auf Ihrem Dienstausweis.“ Er las vor: „Am 31. Mai 2000 in den wohlverdienten Ruhestand entlassen.“ Dann sah er die alte Dame mit einem durchdringenden Blick an. „Sie ermitteln hier, sagen Sie? Wie das? Und in welcher Angelegenheit?“

Er blinzelte. In seiner Laufbahn hatte er sich schon viele seltsame Ausflüchte anhören müssen, weshalb man hier oder da geparkt hatte, obwohl eben dies verboten war … aber eine solche wie die der Commissaria war noch nicht dabei gewesen.

„Gestern habe ich genau hier am Neptunbrunnen eine Straftat beobachtet“, sagte die alte Dame. „Und zwar hat ein Individuum ein Tier – eine Katze – entführt, Spendengelder entwendet und hier im übrigen auch falsch geparkt. Dem will ich nun nachgehen. Aber dazu muss ich mich wenigstens 5 Minuten umsehen. Dann fahre ich auch gleich weg.“

Der Gendarm schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Signora. Sie verlassen den Platz jetzt bitte sofort. Dann kann ich ausnahmsweise auch den Strafzettel vergessen – diesmal.“ Mit verschränkten Armen stellte sich der Polizist hinter das Auto und nickte der Kommissarin zu, als diese sich zögernd hinter das Steuer setzte und – nachdem sie den Motor einmal abgewürgt hatte – leise fluchend im Zickzack-Rückwärtsgang vom Platz fuhr.

Dass während ihres Gesprächs ein kleiner schwarzer Kater auf die Ladefläche gesprungen war und sich nun hinter dem Fahrerhäuschen zu verstecken suchte, war weder ihr noch dem Carabiniere aufgefallen.

Luzi hatte die alte Dame sofort wiedererkannt: sie hatte gestern dem Entführer mit ihrem Regenschirm gedroht und gesagt, dass sie die Polizei holen werde, sollte er die Katze nicht sofort freilassen! Luzi hatte das Gespräch der beiden Menschen belauscht und sich kurzerhand entschlossen, die Commissaria bei ihren Nachforschungen heimlich zu begleiten. Die Dame konnte möglicherweise helfen, Edwige wiederzufinden – vielleicht führte sie ihn ja zu seinen Freunden!

Signora Conti schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad. So etwas Dummes aber auch – direkt einem Kollegen in die Arme gelaufen zu sein! Wo war der nur gestern gewesen, als die arme Katze entführt worden war! Dieser Holzkopf konnte sie bei ihren Ermittlungen allerdings nur stören. Es war also besser, einfach zu verschwinden.

Egal – sie gab ihren Plan nicht auf. Sie würde den ersten besten Platz zum Parken des Autos nutzen und dann eben zu Fuß auf die Piazza della Signoria zurückkehren. In einer kleinen Gasse gleich hinter der Piazza schien auch ein Plätzchen für das Auto frei… Zwar stand es dann zur Hälfte auf dem Zebrastreifen, aber das würde wohl niemanden hier stören.

Die Commissaria stieg aus. Auf ihren Regenschirm gestützt marschierte sie entschlossenen Schritts zurück in Richtung Piazza della Signoria. Luzi sprang lautlos von der Ladefläche des Autos und folgte der alten Dame. Als er sich hinter einem Mauervorsprung verstecken wollte, da die Dame sich gerade umsah, bevor sie die Straße überquerte, sprach ihn jemand an.

„Luzi, bist Du es?“ flüsterte eine Stimme, die von oben zu kommen schien. Luzi sah hoch. Auf einem breiten Sims in etwa einem Meter Höhe saß eine kleine schwarz-weisse Katze – es war Mignon! Richtig – ihr neues Revier bei Nonna war nur einen Katzensprung von hier entfernt, an den Uffizien.

„Mignon, wie schön, Dich zu sehen! Aber ich kann nicht bleiben – ich muss der alten Frau dort folgen und darf sie nicht verlieren! Edwige ist entführt worden und Leo und Merlin sind mit ihr mit. Ich weiss nicht, wo sie sind – die Dame dort sucht sie aber auch. Deshalb folge ich ihr!“

Mignon sprang von dem Sims herunter auf die Straße. „Ich weiss. Die Sache gestern mit Edwige und ihrer Geige ist natürlich beobachtet worden. Unter den Katzen der Stadt macht das die Runde. Wir kennen den Täter gut: Guiseppe. Er ist ein bekannter Tierquäler und Tunichtgut. Niemand hier kann ihn leiden. Meist produziert er sich und seinen Papageien Dukat auf Jahrmärkten – da bietet er auch Wundermittel an, die angeblich Krankheiten heilen. Nie darf man in seine Fänge geraten! Keiner ist bisher ungeschoren davongekommen, wenn er einen von uns gefangen hat … Genau deshalb bin ich auch hier: um mich umzusehen, und um die anderen zu warnen, falls der Bösewicht wiederkommt.“

Luzi hatte Mignon zwar genau zugehört, dabei aber die alte Frau nicht aus den Augen gelassen. Diese war über die Straße gegangen und blieb nun stehen – sie suchte etwas in ihrer Manteltasche. Schließlich zog sie ein telefonino hervor, hielt es an ihr Ohr und sprach hinein.

„Vittorio, guten Morgen! Was gibt es denn…?“ fragte sie unbeschwert. Dann erklang die Stimme eines Mannes durch das kleine Telefon – sie schien vorwurfsvoll und aufgebracht, denn man hörte sie noch mehrere Meter weiter durch das telefonino.

„Aber nein, Vittorio, ich will mir nur den Tatort noch einmal genauer ansehen, das ist alles… Nein, nein – Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen! Wer hat Ihnen überhaupt gesagt…?“ Sie verstummte. Der Mann redete weiter wie ein Wasserfall.

« Ja, ich weiss selbst, wie alt ich bin! Aber soll ich nun nicht mehr allein auf die Straße gehen – nur weil ich 80 Jahre alt bin? Gut – über 80. Warum wollen mich alle einsperren?“

Die alte Dame hatte sich in Rage geredet und schickte sich an, das Gespräch zu beenden und das telefonino einzustecken, hatte aber offensichtlich Mühe, den Knopf zu finden, mit dem man abhängte. Die Stimme des Mannes klang nun plötzlich freundlicher. Schließlich sagte die Dame: „Gut, ich warte auf Sie. Ich trinke einen Café im Rivoire. Dort fragt man mich sicher nicht nach meinem Alter! Aber kommen Sie bald – ich habe nicht viel Zeit.“ Dann steckte sie das Gerät in die Tasche, ohne es auszuschalten.

Sie überquerte den Platz, ging geradewegs auf ein zu der morgendlichen Stunde noch nicht sehr besuchtes Café zu und nahm auf der Terrasse Platz – sie hatte so den Neptunbrunnen genau im Blick.

Luzi und Mignon versteckten sich unter einem der Tische in der Nähe der Dame.

Nach etwa einer Viertelstunde kam außer Atem und mit hochrotem Kopf ein etwas beleibter, älterer Carabiniere an das Café geeilt. „Commissaria!“ rief er, noch bevor er ganz bei der alten Dame angekommen war. Diese hob kaum ihren Kopf von der Karte empor und sagte nur kühl: „Vittorio, setzen Sie sich. Sie haben mich wirklich lange warten lassen!“

Vittorio setzte sich; man sah ihm den Unmut, aber auch seine Besorgnis förmlich an. „Lange warten lassen? Commissaria, ich bin im Dienst und musste noch einen Rapport zuende schreiben! Der Rapport hat die kürzeste aller Kurzfassung bekommen – und danach bin ich im Dauerlauf hergekommen!“

„Ich bin auch im Dienst“, sagte Signora Conti knapp. „Ich verfolge einen Kriminalfall.“ Dann vertiefte sie sich wieder in die Karte. „Ich nehme einen bitter. Und Sie?“

Der Wachtmeister schnaubte verärgert. „Ich bin nicht zum Kaffeetrinken hier, Commissaria. Ich bin hier, weil eine Dienstbeschwerde über Sie im Revier eingegangen ist. Sie können von Glück sagen, dass ich sie entgegengenommen habe – denn ich habe die Beschwerde direkt im Papierkorb abgelegt, mit Rücksicht auf all die Jahre, die wir zusammen gearbeitet haben. Aber das kann ich nicht jedesmal tun. Und ich kann auch nicht jedesmal meine Dienststelle verlassen, nur weil Sie wieder einmal etwas angestellt haben.“

Auf den plötzlich besorgten, aber auch missmutigen Blick der alten Dame hin meinte er beschwichtigend: „Diesmal geht es schon in Ordnung. Pinto hat meinen Dienst übernommen, ich habe mir den Nachmittag freigenommen. Aber jetzt bin ich offiziell noch im Dienst – bis heute mittag.“ Er sah auf die Uhr – es war 10 Uhr 30. „Da ich jetzt auf Sie aufpasse und dafür sorge, dass Sie nichts Verbotenes anstellen, sollte man das wohl im weiteren Sinne noch als Polizeidienst bezeichnen können.“

Signora Conti sah halb verärgert, halb belustigt auf ihren früheren Agente. Sie hatte ihn damals eingestellt, als blutjungen Anfänger direkt von der Polizeischule weg. Wie alt mochte er nun sein? Bald 60 … die Commissaria lächelte, als sie an den schlaksigen, etwas ungelenken Jungen dachte, den sie damals engagiert hatte. Lange – gute – Jahre hatten sie zusammengearbeitet. Sie hatten weit mehr Zeit miteinander verbracht als mit ihren jeweiligen Familien. Nun sahen sie sich kaum noch. Wieso musste die Rente dazu führen, dass man seine früheren Kollegen, die Freunde geworden waren, so aus den Augen verlor? Allerdings hatte sie ja auch nie Zeit gehabt, sich um ihren früheren Chef zu kümmern, als dieser pensioniert worden war…

Die Commissaria machte dem Garçon ein kurzes, gebieterisches Zeichen, orderte für sich einen bitter und einen ristretto für den Agente.

„Bis Mittag sind Sie ja noch im Dienst, Vittorio. Bis dahin dürfen Sie also „auf mich aufpassen“, wie Sie das zu nennen belieben. Sie werden eine Menge zu tun haben!“

Dann begann die alte Dame, ihrem früheren Untergebenen den Plan für ihre Ermittlungen in Sachen der entführten, geigespielenden Katze auseinanderzusetzen – ohne zu bemerken, dass jedes einzelne Wort von den beiden unter dem Tisch versteckten Katzen belauscht wurde.

Fortsetzung folgt!

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