24. Kapitel – Der Turm

Der Schlussakkord der Corrente der d-Moll Partita verhallte. Edwige setzte Geige und Bogen ab und verneigte sich vor den applaudierenden Zuhörern, die im schattigen, nachmittäglichen Garten mit offenen Mündern der Musik von Bach gelauscht hatten, die Edwige, auf einem zum Podium umfunktionierten, umgedrehten Blumenkübel stehend, ihnen dargeboten hatte.

Vor der improvisierten Bühne saßen und lagen im Halbkreis Dante, Alice, Leo, Luzi und Merlin. Luzi hatte die gelbe Provence-Tischdecke aus der Küche stibitzt und darauf einen musikalischen Five o’Clock Tea serviert. Hieran unwissentlich nicht ganz unbeteiligt war das benachbarte Café, das eine Platte voller Scones, die es mit Erfolg englischen Touristen feilbot, ohne Aufsicht auf der Terrasse hatte stehen lassen.

Alice fasste sich als erste. „Ich habe noch nie eine so schöne Musik gehört. Edwige, Du bist eine Künstlerin!“

Merlin nickte. „Ich fand es auch wundervoll. Dieses Stück, was Du gespielt hast – das habe ich im Musikunterricht an meiner Schule manchmal gehört, auf dem Schallplattenspieler. Aber ich habe es noch nie so erlebt wie jetzt, also von jemandem, der mit der Geige vor einem steht.“

Bewegt wischte Edwige das Kolophonium von den Saiten, wickelte die Geige in das Moltontuch ein und legte sie zurück in ihren Geigenkasten. „Es freut mich, dass die Musik Euch gefallen hat – obwohl ich so lange nicht gespielt hatte. Es ist einiges verloren gegangen… Aber ich habe jetzt ja genug Zeit zum Üben.“

Edwige hatte in der Tat die letzten Tage fast ausschließlich damit zugebracht, ihre Geige mit Etüden und Übungen zu traktieren. Da der Keller dank meterdicker Mauern gut isoliert war, hatte sich niemand beschwert. Das Üben hatte sich gelohnt: einige ihrer Lieblingsstücke – Liebesleid von Kreisler, die Corrente und die Gigue aus der d-Moll Partita von Bach, Mozarts Deutsche Tänze… – konnte Edwige schon fast wieder so gut spielen wie damals in Paris.

Luzi goss sich eine Tasse Tee ein und tunkte voller Behagen seinen Scone hinein. „So eine großartige Musik, und dazu Scones mit Butter – besser könnte es uns gar nicht gehen.“ Und auf den zugeklappten Geigenkasten zeigend: „Spielst Du heute nichts mehr, Edwige?“

Edwige biss in einen der Scones, schnurrte wohlig und brummte durch das Gebäck hindurch: „Ich will noch Karten legen. Dafür muss ich mich stärken. Morgen spiele ich wieder Geige.“ Sie verstummte, nahm sich noch einen der köstlichen Scones und begann, ihre Tarot-Karten auszulegen.

Merlin döste an seinem Busch in der untergehenden Sonne, als Dante sich anschickte, heimlich den letzten Scone für später in einem der Beete zu vergraben. Alice wusste, dass Dante sich schon heute Abend nicht mehr an den genauen Ort erinnern würde und dass morgen, spätestens übermorgen alle Beete von wütenden Pfotenhieben umgepflügt sein würden. Missbilligend schüttelte sie den Kopf, wusste aber, dass sie nichts gegen das schändliche Treiben würde ausrichten können.

Luzi schmökerte in seinem Marcel Proust und Leo sah Edwige beim Kartenlegen zu. Immer wieder zog die Katze sechs Karten aus dem Spielblock, legte sie in einer bestimmten Anordnung aus und deckte sie eine nach der anderen auf.  Ihr Blick auf das Kartenspiel verdüsterte sich mehr und mehr. Ein letztes Mal mischte Edwige die Karten und legte erneut aus. Schließlich schob sie das Spiel zusammen und steckte es seufzend in die Tasche.

„Sagen die Karten heute nichts Gutes voraus?“ fragte Leo bang. Sie kannte Edwige mittlerweile gut genug um zu wissen, wann die Katze schlechte Nachrichten hatte.

„Nichts Gutes ist hier deutlich untertrieben,“ schnaubte Edwige. „Ich ziehe immer wieder den Turm. Diese Karte kündigt Unheil an. Ich hatte sie bisher nie.“

Luzi meinte unbekümmert: „Es ist doch gut, wenn die Karte uns warnt. Dann passen wir eben in den nächsten Tagen besonders gut auf. So kann uns sicher nichts passieren.“

Edwige schüttelte den Kopf. „So einfach ist es nicht. Der Turm bedeutet Umwälzung, Revolution, manchmal Krieg. Macht, die verloren geht – oder plötzlich die Seiten wechselt. Die Karte heißt nicht unbedingt, dass uns etwas Negatives widerfahren muss. Sie zeigt aber immer einen Umbruch an – zum Beispiel, dass Dinge, die schon lange schmoren, einem plötzlich um die Ohren fliegen. Ich habe mit dieser Karte keine Erfahrung, aber ich weiß, dass sie mit höchster Vorsicht zu genießen ist. Ich packe die Karten jetzt weg. Morgen lege ich sie neu, vielleicht sieht die Welt dann schon anders aus.“

Es war kühl geworden. Ein frischer Abendwind zog durch den Garten und erinnerte die Freunde daran, dass der Herbst vor der Tür stand. Würden sie den Winter in Florenz verbringen?

Luzi klappte die Recherche zu und verstaute das Buch in seinen Beutel. „Es ist Zeit fürs Abendessen, was meint Ihr?“

Merlin nickte. „Ich habe auch Hunger.“ Das war ein gutes Zeichen: Mara hatte gesagt, dass Merlin, sobald er wieder Appetit bekommen würde, auf dem Wege der Besserung, wenn nicht gar Heilung sein würde. Die Freunde sahen sich fröhlich an und liefen die Treppenstufen zum Wintergarten hinauf. Merlin humpelte ihnen nach.

In der Küche zog Edwige geschickt das Türchen zum Spülen-Unterschrank auf. Hier verstaute Mara das Katzen- und Hundefutter. Edwige tastete nach einer Dose – aber ihre Pfote reichte offenbar nicht bis zu den Dosen. Sie kletterte ganz in den Unterschrank hinein, während Dante die Tür aufhielt, aber… es waren keine Dosen zu sehen!

Unverrichteter Dinge verließ Edwige den Schrank und fragte: „Hat Mara noch ein anderes Versteck für unser Futter? Hier ist nichts.“

Entsetzt schüttelte Dante den Kopf. „Nein, wenn hier nichts ist, haben wir nichts mehr im Haus!“ Er stieß ein verzweifeltes Heulen aus.

„Mara bringt sicher gleich etwas zu Essen mit nach Hause,“ sagte Alice – ein vergeblicher Versuch, Dante zu beruhigen.

„Wie soll sie denn etwas mitbringen?“ jaulte Dante. „Sie kommt doch erst heute Nacht wieder, wenn das Café schließt. Dann kann man nichts mehr einkaufen!“

Luzi hätte sich ohrfeigen mögen. Er hatte heute Nachmittag zwar alle Scones, die er hatte tragen können, von der Café-Terrasse mitgehen lassen – die Buttercremetorte, die danebengestanden hatte, hatte er dort gelassen. Wäre er doch nur zurückgegangen! Dann hätten sie jetzt zumindest etwas zu fressen … wenn es auch nicht wirklich für Katzenmägen gedacht war.

Entschlossen griff Edwige nach ihrem Geigenkasten. „Wenn wir nichts mehr zu essen haben, müssen wir eben Geld verdienen, um welches zu kaufen. Ich gehe jetzt auf den Platz, wo die vielen Touristen sind, und spiele Geige. Ein paar Euros werde ich da schon bekommen.“

Fortsetzung folgt!

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