23. Kapitel – Entschlüsse

Mehrere Wochen waren vergangen, seit unsere Freunde bei Dottoressa Mara, Dante dem Hund und der blinden Katze Alice eingezogen waren.

Eingezogen…? Wollten die vier nicht nach Siena reisen, um dort Zsazsa zu finden? Hatten sie ihren Plan aufgegeben?

Nein, das hatten sie nicht. Edwige war sogar einmal bis zum Bahnhof gelaufen, um dort mit Leo nach möglichen Zugverbindungen nach Siena zu suchen – so hatten sie immerhin einige Fahrpläne ergattern können. Theoretisch stand ihre Reise nach Siena weiterhin fest … die Realität sah indessen anders aus.

Merlin war, obwohl es ihm langsam besser ging, immer noch nicht vollständig genesen. Seine Pfote war einigermaßen verheilt, er konnte sogar, wenn er sehr vorsichtig auftrat, die wenigen Meter von seinem Krankenzimmer bis in den Garten humpeln und sich dort im weichen Gras die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Längere Spaziergänge waren jedoch ganz undenkbar.

So lag Merlin auch heute wieder, vor Behagen schnurrend, auf der Wiese an seinem Lieblingsbusch, die klare Morgensonne im Gesicht. Die Clematis rankte in verschwenderischem Lila und Rosa von der verwitterten backsteinernen Hofmauer herunter, Blumentöpfe aus Terrakotta säumten mit bunten Blüten den schmalen, unregelmäßig gepflasterten Weg, der zum Wintergarten führte. Aus einem der benachbarten Gärten hörte man leise einen Springbrunnen plätschern. Oder befüllte ein Nachbar gerade sein Schwimmbecken?

Merlin blinzelte Dante, der ebenfalls in den Garten gekommen war, zu und brummte glücklich: „Ihr lebt im Paradies… Wenn ich mich hier nicht erholen soll, dann weiß ich nicht wo sonst.“

Luzi, Leo und Edwige ließen den alten Kater zufrieden im Garten zurück. Sie schlichen gemeinsam in die Küche, wo Alice heute früh einen Katzenrat – pardon: einen Katzen- und Schildkrötenrat – einberufen hatte.

Alice lag auf ihrem Kissen und leckte sich die Pfote – das tat sie immer, wenn sie über etwas nachdachte.

„Euer Mensch fehlt Euch, das merke ich. Besonders bei Edwige spüre ich es“, sagte sie. „Auch, wenn es Euch hier bei uns gefällt – Ihr möchtet weiterziehen, nicht?“

Edwige zögerte ein wenig, bevor sie antwortete. „Es stimmt“, gab sie zu. „Ich vermisse Zsazsa sehr. Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft, Alice. Wir alle fühlen uns hier sehr wohl und willkommen. Aber ich möchte doch wieder zu Zsazsa … und irgendwann auch zurück nach Hause – nach Paris. Dort ist meine Heimat.“

„Was sagen die anderen? Wollt Ihr das auch?“ fragte Alice, und wandte sich an Leo und Luzi.

Erschrocken sah Edwige auf. Dass ihre Freunde möglicherweise nicht mehr zu Zsazsa wollten, war ihr noch gar nicht in den Sinn gekommen!

Luzi sah zu Boden. „Edwige, bitte versteh mich nicht falsch. Ich mag Zsazsa wirklich sehr gern – und Paris ist auch mein Zuhause. Natürlich möchte ich dorthin zurück. Aber Du siehst ja selbst, wie schwach Merlin ist. Wir können ihn im Zug nicht mitnehmen, er kann kaum laufen. Die Zugfahrt ist gefährlich für uns alle – nicht nur für Merlin. Es ist im Grunde ein Wunder, dass wir es relativ unbeschadet bis hierhin geschafft haben. Es ist für Merlin zu riskant, noch einmal auf so eine beschwerliche Reise zu gehen. Und er braucht auch immer noch die Infusionen für seine Nieren…“

Er seufzte. „Wir alle wissen nicht, ob wir Zsazsa in Siena überhaupt finden – wir haben nicht einmal ihre Adresse. Es wäre sicher das Beste, wenn wir hierbleiben würden. Zumindest die nächste Zeit. So schwer es mir fällt, das zu sagen, Edwige.“

Leo druckste erst etwas herum. Dann rang sie sich aber doch durch, das zu sagen, was sie empfand. „Auch, wenn es alles stimmt, was Du sagst, Luzi … ich glaube, Edwige wäre sehr unglücklich ohne ihre Zsazsa. Und Du würdest doch auch Dein Paris vermissen…“

Sie hielt einen Augenblick inne und fügte hinzu: „Für mich ist es eigentlich egal, ob ich nach den Ferien aus Florenz nach Dresden zurückfahre, oder aus Paris. Nach den Ferien… Wenn ich genauer nachdenke, sind die Sommerferien wohl lange vorbei. Sicher werde ich in Dresden vermisst. Vielleicht hat man mich sogar schon aufgegeben.“

Ihr war schlagartig bewusstgeworden, dass Jakob und seine Familie seit geraumer Zeit aus den Ferien an der Ostsee zurückgekehrt sein mussten. War nicht schon Anfang Oktober? Die Ferien waren Mitte August zu Ende gegangen. War gar eine neue Schildkröte bei Jakob eingezogen – als Ersatz für sie? Konnte sie überhaupt noch nach Dresden zurück, nach dieser langen Zeit?

Entschlossen meinte Leo dann: „Edwige, wenn Du versuchen willst, es bis nach Siena zu schaffen, bin ich dabei. Aber ich denke, Merlin sollten wir diese Reise nicht zumuten.“

Luzi nickte. „Wenn Ihr geht, komme ich mit. Aber was sagen wir Merlin?“

„Merlin fühlt sich hier sehr wohl“, sagte Alice. „Vielleicht würde er bei uns bleiben wollen. Mara würde ihn vermutlich auch nicht mehr weggeben wollen. Er ist schon lange ihr Lieblingspatient!“

Aber sah Merlin das auch so wie Alice?

Ein Klappern ertönte – die Tür zum Wintergarten sprang auf. Mara kam zurück von ihrer neuen Arbeit. Die junge Frau ließ sich auf das Sofa mit der gelbgemusterten Courtepointe fallen, nachdem sie ihre Tasche nachlässig über den Türknauf geworfen hatte. Sie sah müde und ganz grau im Gesicht aus.

„Diese Nachtschichten machen mich fertig …“ – und schon war Mara zusammengerollt auf dem Sofa eingenickt.

Alice kletterte zu Mara aufs Sofa und kuschelte sich an sie an. Den anderen wisperte sie zu: „Bitte seid leise!“

Mara hatte, nachdem ihr früherer Chef sie herausgeworfen hatte, eine Vertretungsstelle in einer anderen Tierklinik gefunden. Leider hatte man sie dort zuerst nur für den Nachtdienst eingeteilt. Trotz des Protests von Edwige, solche wiederholten Nachtschichten seien gar nicht legal, hatte Mara diese Arbeit angenommen. Wie hätte sie auch sonst die Miete für die Wohnung und das Essen für alle weiterbezahlen sollen?

Als Leo, Luzi und Edwige aus dem Wintergarten traten, um nach Merlin und Dante zu sehen, stand Merlin zitternd in der Tür. Heiser vor Erregung stieß er aus: „Ich habe alles gehört, was Ihr besprochen habt. Natürlich will ich Euch nicht zur Last fallen auf Eurer Reise. Aber Ihr seid die ersten und einzigen Freunde, die ich je hatte. Ich will – ich darf Euch nicht verlieren! Wenn es nicht anders geht, reise ich mit Euch nach Siena. Und wenn es meine letzte Reise ist!“

Er drehte sich um, humpelte bis zu seinem Oleanderbusch und rollte sich dort zusammen.

Leo sah, dass Merlin Tränen aus den Augen liefen. Sie schlich sich durch das Gras bis zu Merlin und krabbelte auf seine Pfote. „Merlin, wir finden ganz bestimmt einen Weg“, sagte sie. Aber sie hatte keine Ahnung, wie dieser Weg aussehen sollte.

Der Spätsommertag verglomm in einem grandiosen Sonnenuntergang. Blutrot erstrahlte der Himmel, die Fassaden von Oltrarno erglänzten wie aus Gold in der abendlichen Sonne… Auf der Gartenmauer sitzend betrachteten die Freunde das überwältigende Naturschauspiel – trotz der Schönheit, die sich ihren Blicken bot, schweigend und bedrückt. Sie wussten, Merlin konnte nicht allein hierbleiben. Auch wenn Alice, Dante und Mara so herzlich und gastfreundlich waren wie man es sich nur wünschen konnte: Merlins Familie waren nun Edwige, Luzi und Leo. Die drei spürten, dass Merlin seinen Lebensabend mit ihnen verbringen wollte. Niemand wusste, wieviel Zeit Merlin noch blieb. Sie konnten ihn nicht zurücklassen.

Ein Schrillen schreckte die Freunde auf. Das Telephon klingelte! Mara schlief immer noch tief und fest auf dem Sofa – erst nach einer Ewigkeit weckte der durchdringende Ton sie.

Schlaftrunken nahm sie ab. „Pronto?“ sagte sie benommen. Eine zeternde Stimme drang durch den Hörer – bis in den Garten konnte man sie vernehmen. Auch wenn sie die einzelnen Worte nicht verstanden, so merkten die Tiere doch, dass am anderen Ende der Leitung ein sehr verärgerter Mensch sprach – nein brüllte.

Ok …“ sagte Mara. „Scusi!“ Dann hängte sie ein und verbarg ihr Gesicht in beiden Händen.

„Ich habe meinen Dienst verschlafen“, stöhnte sie. „Heute Nachmittag um 17 Uhr hätte ich wieder da sein sollen. Ich war so müde, dass ich nicht einmal den Wecker gestellt habe. Das ist mir noch nie passiert. Nun ist auch die neue Stelle futsch. Porca put… !“ Fast hätte Mara einen sehr hässlichen Fluch ausgestoßen. Sie hatte so gehofft, in der neuen Klinik übernommen zu werden – diese Aussicht war dahin. Mara schlug mit der Faust auf ihr Sofakissen.

Nun, es gab noch einen Ausweg. Das kleine Café nebenan suchte seit Tagen eine Aushilfskellnerin. Bisher hatte Mara – und offenbar auch andere Arbeitssuchende – diese schlecht bezahlte Stelle nicht in Betracht ziehen wollen, denn der Job war länger unbesetzt geblieben. Mara hatte den Zettel am Morgen noch im Fenster gesehen, als sie nach Hause gekommen war. Jetzt aber galt es, nach jedem Strohhalm zu greifen. Entschlossen stand Mara auf, zog ihre Jacke an und warf ihre Tasche über die Schulter. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr ein verschlafenes Gesicht – dies hätte bei einem Vorstellungsgespräch normalerweise keinen guten Eindruck gemacht, aber die Inhaber des Cafés nebenan waren Bekannte, fast Freunde von Mara. Sie wussten um die Nachtschichten, die Mara im Moment leistete – und sie mochten das junge Mädchen. Vor ein paar Jahren, als Mara noch studiert hatte, hatte sie in den Semesterferien schon einmal im Café ausgeholfen.

Es gab also gewisse Chancen, dass ihre Bewerbung Erfolg haben würde. Was indessen die Gehaltsverhandlungen anging … Mara machte sich keine Illusionen. Die Miete würde sie davon vielleicht gerade so zahlen können, aber das war auch alles. Aber zumindest wäre die Wohnung damit weitgehend gesichert. Alles Weitere musste sich zeigen!

Mara sprang aus dem Haus – in der Hoffnung, dass die Kellnerstelle noch frei war.

Dante hatte sich zu Merlin und Leo gesellt. Er sah betrübt aus. „Mara wird jetzt sicher diese Arbeit im Café annehmen. Gerade eben hatten sie noch niemanden, das habe ich mitbekommen, als ich draußen auf der Straße war. Aber für die paar Stunden, die sie dort arbeiten kann, bekommt sie kaum Geld. Ich weiß noch, letztes Mal … da hat sie gar nichts mehr gegessen außer „Nudeln ohne alles“, und wir haben die ekligen Billigdosen bekommen. Wenn ich nur an den Schlangenfraß denke – igitt! Und jetzt sind wir ja noch vier Personen mehr…!“ Er schluckte.

Edwige sah Luzi und Leo beklommen an. „Wir liegen Euch auf der Tasche“, sagte sie beschämt zu Dante. „Wir können nicht verantworten, hier zu bleiben, in Eurer jetzigen Situation.“

Dante beeilte sich zu sagen, dass seine Worte nicht so gemeint waren – dass man jetzt zusammenrücken und den Gürtel enger schnallen müsse … aber es war klar, dass das Problem allein so nicht zu bewältigen war.

Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, sagte Edwige plötzlich: „Vielleicht habe ich eine Idee. Wartet mal.“ Sie lief ins Haus und kam kurze Zeit später mit ihrer Umhängetasche, die sie bisher sicher unter Maras Bett verstaut hatte, wieder. Seit sie aus Paris abgereist waren, hatte Edwige die Tasche nie geöffnet – niemand wusste, was sich darin befand. Die anderen hatten nicht gefragt. Luzi bewahrte auch einiges in seinem Leinenbeutel auf, das er niemand verriet. So hatte er von Edwige nie wissen wollen, welche kleinen Schätze sie von Zuhause mitgenommen hatte. Zudem war es ihm taktlos vorgekommen, vor Merlin, der gar nichts besaß, seine Habseligkeiten auszubreiten. Nicht dass sie wertvoll gewesen wären – aber es gab sie. Merlin hatte nichts.

Edwige hingegen schien kein Geheimnis mehr aus dem machen zu wollen, was ihre Tasche enthielt. Vor den Augen ihrer Freunde klappte sie das schmale, längliche Köfferchen auf – und eine winzig kleine Violine, die Edwige sorgsam aus einem weißen Moltontuch auswickelte, kam zum Vorschein.

Leo sperrte Augen und Mund auf. „Eine Geige?! Du hast auf der ganzen Fahrt Deine Geige dabeigehabt, und uns nichts davon erzählt?! Dabei hätte ich so gern etwas Musik gehört …“

Luzi erinnerte sich dunkel daran, dass seine Tante sich früher oft auf der Violine geigend vergnügt hatte – bis Monsieur Grimaud, ein beständig schlechtgelaunter Nachbar, durch das Fiedeln gestört, einen alten Schuh krachend ans Fenster geworfen und so der Katzenmusik ein Ende bereitet hatte. Zwar hatte er als Schuldige damals Zsazsa verdächtigt, das Ergebnis war indessen das Gleiche gewesen: Edwige hatte ihre Violine verschämt in den Geigenkasten gelegt und mit dem Geigenspiel aufgehört. Dabei, das wusste Luzi noch, hatten ihm Edwiges Geigenmelodien immer gut gefallen.

Edwige nahm das Instrument aus seinem Kasten, spannte den Bogen und setzte die Geige ans Kinn.

„Mit ein bisschen Übung könnte ich vielleicht wieder einigermaßen spielen. Ich bin sicher, dass wir so etwas Geld hinzuverdienen können. Geige spielende Katzen sind selten genug, um als Attraktion zu gelten.“

Dann zog sie den Bogen über die Saiten, die wunderbarerweise noch intakt waren, und versuchte, der Geige einen Ton zu entlocken. Das Instrument hatte indessen die lange Stille übelgenommen: ein hässliches, zittriges Kratzen ertönte. Edwige wagte noch ein paar Striche, die Dante zu einem wolfsartigen Heulen inspirierten, dann setzte sie die Geige wieder ab.

Betreten sahen Luzi und Leo zu Boden – sie wagten nicht, Edwige anzuschauen… So war vermutlich kein Geld hinzuzuverdienen.

Edwige knurrte wütend: „So klingt das nun mal, wenn man jahrelang nicht gespielt hat. Daran ist nur dieser fiese Monsieur Grimaud schuld! Ich werde zum Üben in den Keller gehen. Dann müsst Ihr zumindest nicht leiden. Pah – früher habe ich sogar Konzerte vor den Nachbarskatzen gegeben!“ Sie legte die Geige vorsichtig zurück in den Kasten, ließ die drei kleinen Schlösser, die ihn verschlossen, einschnappen, warf den Geigenkasten an seinem Riemen über die Schulter – und verschwand in der Kellerluke.

Etwas später drangen – gedämpft durch die dicken Kellerwände – leise Geigentöne, die zunächst kratzig, dann wimmernd, aber schließlich klar und flötenartig klangen, in den Garten. Edwige schien fest entschlossen, sich als Florentiner Stadtmusikantin zu verdingen.

Ob das gut gehen konnte?

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