20. Kapitel – Bei Nonna

Was bisher geschah …

I.

Luzi schluchzte leise, während er das Wägelchen mit dem erschöpften Merlin durch die düstere Gasse zog. Er und Tano waren von einer Kater-Gang aus dem Palazzo verjagt worden, in dem sie vor wenigen Tagen Unterschlupf gefunden hatten. Würden Leo und Edwige sie wiederfinden? Wie sollten sie Merlin, der sehr krank war, pflegen – ohne ein schützendes Zuhause?

Zumindest in Bezug auf die erste Frage konnte Tano Luzi beruhigen. „Edwige und Leo sind mit meiner Schwester Mignon unterwegs. Mignon kennt Florenz wie ihre Westentasche, wenn ich so sagen darf. Sie kennt so gut wie jede Katze hier – sie wird es mitbekommen, wo wir sind. Glaub mir, wir fallen den anderen Katzen auf, schon wegen Merlin. Sie wird uns wiederfinden, das ist nur eine Frage der Zeit.“

Nur Zeit – das war genau das, was sie nicht hatten. Denn was Merlin anbetraf, so schwieg Tano lieber. Es war offensichtlich, dass der Arme schnellstens Medizin brauchte, und dass die Umherkutschiererei in dem kleinen Bollerwagen ihm überhaupt nicht zuträglich war.

Merlin keuchte, als er sprechen wollte. „Macht Euch um mich bloß keine Sorgen. Mir geht es gar nicht so schlecht. Bestimmt bin ich morgen wieder in Höchstform! Der Klinikbesuch hat mich angestrengt, aber morgen geht es wieder.“

Schon diese wenigen Worte schwächten ihn so sehr, dass er danach erschöpft im Wagen zusammensank. Luzi rieb seinen Kopf an Merlins und sagte „Bald bringen Edwige und Leo Deine Medizin! Und dann geht es nur noch aufwärts!“

Tano nickte zustimmend. Seinem Gesichtsausdruck konnte man die Sorge jedoch ansehen.

Um von diesem schlimmen Thema abzulenken, erzählte Tano, mit wem sie es vorhin zu tun gehabt hatten. „Tullio ist der Nachbarskater. Er lebt im Palazzo nebenan und ist angeblich ein reinrassiger norwegischer Waldkater. Das behauptet er jedenfalls. Keine Ahnung, ob es stimmt. Es ist mir auch egal. Tullio ist immer schon ein fieser Mistkerl gewesen. Dabei hat er alles, was er will: ein Zuhause, so viel zu Fressen, wie er mag, Versorgung mit allem und jedem… der Kerl hat sicher noch nie einen Floh gehabt. Und trotzdem nimmt er uns Streunern alles weg, was wir haben. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie ich das Biest hasse – wenn ich könnte, würde ich ihn verprügeln! Er ist aber riesengroß und sehr stark – anders als wir Hungerleider. Und er hat auch noch eine Menge Kumpel. Gegen den haben wir keine Chance. Ich vermute aber, dass es ihm in unserem Hof schon bald langweilig werden wird. Dann kehren wir zurück!“

Luzi war rasend vor Wut. Am liebsten hätte er diesem Tullio einen ordentlichen Tatzenhieb verpasst. Vielleicht ergab sich ja ein ander Mal dazu noch Gelegenheit.

Vor einem prachtvollen alten Gebäude hieß Tano Luzi anhalten. Säulengänge, Statuen, ein spiegelglatter Marmorboden mit Intarsien … Luzi war sprachlos vor soviel Prunk. Zwar kannte er aus Paris durchaus viele Prachtbauten – aber dieses Gebäude war anders …

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„Wir sind in den Uffizien“, sagte Tano. „Das ist ein Museum. Katzen dürfen hier natürlich nicht rein – aber ich habe einen geheimen Zugang!“

Er schlüpfte durch ein winziges, vor Staub kaum erkennbares Kellerfenster, dessen Verglasung weggebrochen war. Dahinter führte eine Stiege in einen endlos sich windenden Gang, von dem weitere Tunnel abgingen.

Gemeinsam trugen Tano und Luzi den geschwächten Merlin über die Stiege nach unten in den Kellergang. Dann zog Luzi den Wagen an der Deichsel durch das Fensterchen und ließ ihn über die Stufen nach unten gleiten. Die katakombenartige Galerie mit ihrem festgetretenen Erdboden ließ es gerade so zu, den Wagen mit Merlin darauf hindurchzuziehen.

Wo waren sie nur hingeraten?

II.

Als die schwere Tür des Dispensarios lautlos hinter ihnen zugefallen war, mussten Edwige und Leo sich in der Dunkelheit orientieren. Wo waren die Oleanderbüsche, die ihnen vorhin Schutz geboten hatten? Sie hatten das Dispensario offenbar an einer ganz anderen Stelle verlassen… sie standen an einer zu dieser späten Stunde wie ausgestorbenen Straße; nur eine einsame Straßenlaterne warf ein paar fahle Lichtstrahlen über die Gasse.

„Leo, wo sind wir? Wie finden wir Mignon wieder?“ Edwige sah sich vorsichtig um. Die Gegend war ihr nicht geheuer.

„Ich glaube, wir müssen bis dort zur Kreuzung laufen, und dann links… Dort müssten wir den Eingang zum Innenhof finden, denke ich …“

Edwige lief los. Sie hatten die Medikamente und das Stärkungsmittel, nun mussten sie so schnell es nur ging zu Merlin und ihm die Medizin verabreichen. Wenn sie sich verliefen, konnte das für Merlin tödlich enden …

Eine kleine, weisse Gestalt kam ihnen von links entgegen. Mignon! Da war auch der Eingang zum Hof des Dispensarios – schlagartig erkannte Edwige alles wieder.

Die Tierärztin hatte ihnen einen Ausgang geöffnet, der nicht zum Innenhof, sondern auf eine der das Dispensario umgebenden Gassen führte.

Atemlos vor Aufregung stand Mignon vor ihnen. „Ich habe gesehen, dass in dem hinteren Zimmer Licht anging. Da dachte ich mir schon, dass ihr vielleicht hier herausgefunden habt. Was ist mit dem Medikament? Habt Ihr alles bekommen? Seid Ihr den Ärzten begegnet? Als ich das Licht gesehen habe, hatte ich Angst, Ihr seid erwischt worden!“

Wortlos zeigte Leo auf ihre gefüllte Tasche. Mignon nickte froh. „Wir haben alles. Nun los nach Hause!“

In wildem Galopp flogen die Katzen durch die Straßen – dem Palazzo Peruzzi entgegen.

Als sie dort etwa eine Stunde später eintrafen, wurden sie von Tullios Schergen fauchend und knurrend empfangen. Tullio, in Siegerpose von einer Balkonbalustrade herabblickend, schleuderte den Katzen verachtungsvoll entgegen: „Dieser Hof gehört mir. Lasst Euch nie wieder hier blicken! Sonst ergeht es Euch wie Euren Kumpanen mit dem todgeweihten Tattergreis!“ Er ließ ein hämisches Lachen ertönen.

Dann gebot er seinen Häschern, sich auf die beiden Katzen zu stürzen.

In Panik und ohne ein Wort der Gegenwehr flohen Mignon und Edwige aus dem Hinterhof – die feindliche Übermacht war zu groß. Erst nach mehreren hundert Metern blieben sie keuchend stehen. Sie hatten es geschafft, die Verfolger abzuschütteln – nun waren sie der Erschöpfung nahe.

Bang sah Leo, die sich fest in Edwiges Pelz gekrallt hatte, die beiden Freundinnen an. Wo waren Luzi und Merlin? Wo war Tano? Und was hatte der riesige Kater damit gemeint, als er gesagt hatte ‚Sonst ergeht es Euch wie Euren Kumpanen‘? Was hatte er Merlin angetan?

Leo wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen!

Mignon fasste sich als erste. „Das war Tullio, der Nachbarskater. Ein bösartiges Großmaul! Ich glaube nicht, dass er und seine Bande Tano und Luzi etwas haben antun können. Sie sind zwar in der Überzahl, aber ich denke nicht, dass sie einen Tatzenhieb von einem der beiden hätten riskieren wollen. Sie setzen auf Einschüchterung. Ich vermute eher, dass Tano schnell einen sicheren Unterschlupf gesucht hat, vor allem für Merlin.“

Edwige runzelte die Stirn. „Hast Du eine Ahnung, wo das sein könnte, Mignon? Wir müssen Merlin wirklich so schnell es nur geht dieses Medikament bringen.“

Etwas leiser fügte sie hinzu: „Und ich muss zugeben, dass ich nach alle dem, was wir heute erlebt habe, vollkommen fertig bin. Einen Hunger habe ich – und ihr müsst doch auch hungrig sein…“

Leo nickte. Ihr knurrte auch der Magen – schlimmer aber noch war die Sorge um Merlin.

„Ich weiss, wo wir jetzt hingehen. Es gibt einen Unterschlupf für uns“, sagte Mignon. „Das ist nicht ganz nah, dafür aber sehr sicher. Vielleicht ist Tano mit den anderen dort hingelaufen. Wenn nicht, dann finden wir dort jemanden, der weiss wo sie sind.“

Noch bevor Edwige und Leo fragen konnten, wie das denn möglich war, war Mignon losgelaufen. Edwige folgte ihr, Leo und den Medikamentenbeutel auf dem Rücken tragen.

III.

Merlin stöhnte. Seine geschiente, gebrochene Pfote hatte schon vor einiger Zeit begonnen, wehzutun – nun waren die Schmerzen fast unerträglich geworden.

„Sind wir bald da…?“ flüsterte er. „Ich würde so gern etwas trinken.“

Ein Blick auf das schmerzverzerrte Gesicht des Katers ließ Luzi das ganze Ausmaß der Katastrophe erkennen. Merlin brauchte Schmerzmittel und Ruhe.

„Wie weit ist es denn noch?“ fragte Luzi Tano, der schon ein paar Meter vorgelaufen war und nun wieder zurückkam.

„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Tano. „Ich war schon so lange nicht mehr hier. Wir müssten aber bald da sein …“ Dann lief er wieder voraus in den Gang – so als wollte er sich davon überzeugen, dass sie tatsächlich auf dem rechten Weg seien.

Links und rechts gingen weitere Tunnelgalerien ab. Schottersteine, Bretter und Lumpen lagen hier und da am Rand der Gänge – es schien, als sei seit Jahrhunderten kein Mensch hier vorbeigekommen… Licht fiel nur ab und an durch ein Bodenfenster herein – dann wieder blieb es über längere Strecken dunkel.

„Hier muss es sein!“ rief Tano plötzlich. Er lief in einen rechts abzweigenden kleineren Tunnel; dieser führte in einen quadratischen Kellerraum, in den durch eine winzige Öffnung an der Decke ein wenig Licht fiel. Der Kellerraum führte seinerseits in einen weiteren Gang, an dessen Ende ein hell erleuchteter Raum sich aufzutun schien.

„Bitte wartet hier ein paar Minuten auf mich. Ich muss erst sehen, ob jemand da ist!“ sagte Tano.

Luzi und Merlin blieben allein zurück. Merlin war so schwach, dass er nicht einmal etwas sagen konnte. Luzi strich ihm über das Fell. Wann nur würden sie den armen, lieben Freund endlich mit der dringend benötigten Medizin versorgen können?

Ein Scheppern ertönte – dann ein lauter Schrei. Ein weiteres Klappern war zu hören sowie wütendes Zetern: Luzi sah einen Topf aus dem hell erleuchteten Raum fliegen, dann einen Deckel und schließlich Tano, der eilig durch die Tür sprang. Verlegen leckte er sich seine Pfote, dann winkte er die Freunde heran.

„Ihr könnt kommen! Es ist alles geregelt!“

Zögernd näherten sich die Freunde – Luzi zog den Wagen mit Merlin hinter sich her und schlich vorsichtig an die hell erleuchtete Tür heran. Was verbarg sich nur dahinter?

In diesem Augenblick schoss eine winzige, ganz schwarze Katze aus der Tür und versetzte Tano einen wütenden Tatzenhieb.

„Das ist für all die Jahre, in denen Du Dich nicht hier hast blicken lassen!“ Ein weiterer Hieb folgte. „Und das für die Mäusebeute, die Du letztes Mal hast mitgehen lassen!“ Sie fauchte.

Dann setzte sich die Katze neben die Tür und sagte nun in einem sehr höflichen, fast liebenswürdigen Ton: „Nun, da das geklärt ist, könnt Ihr hereinkommen. Bitte tretet ein und macht es Euch bequem!“

Sie zeigte mit einer großzügigen Pfotenbewegung auf die Tür, hinter der ein kleiner Raum durch ein fröhlich flackerndes Kaminfeuer erwärmt wurde.

„Ich bin Nonna“, sagte die Katze. „Den Nichtsnutz dort, den kenne ich. Es handelt sich um meinen Großneffen ich weiss nicht wievielten Grades. Aber wer seid Ihr?“

Nonna nahm einen kleinen Kessel vom Haken, füllte ihn mit Wasser und ein paar dunklen Bohnen, drehte ihn zu und stellte ihn mitten ins Feuer. Wehmütig erinnerte sich Luzi an seine kleine Wohnung am Gare de l’Est, die auch so einen Kamin gehabt hatte.

Stotternd vor Verlegenheit erklärte er, dass Merlin und er aus Paris kämen, dass sie auf der Reise nach Siena hier in Florenz gestrandet seien, und dass Merlin auf eine dringend benötigte Medizin wartete, die von zwei Freundinnen, mit denen sie reisten, gebracht werden solle.

„So so“, sagte Nonna. „Franzkater seid Ihr also… Paris hätte ich auch gern einmal besucht. Aber dafür ist es zu spät für mich.“

Als Luzi gerade fragen wollte, warum es denn dafür zu spät sein sollte, bemerkte er, dass die schwarze Katze uralt sein musste. Ihre Augen schimmerten silbrig und Nase und Mäulchen umgab ein feines, schlohweisses Fell.

Der Kessel gab ein Zischen und Brodeln von sich, als wolle er explodieren. Nonna wartete einen Moment und nahm ihn aus dem Feuer, nachdem das Geräusch verklungen war. Dann nahm sie vier winzige Schälchen von einem Bord neben dem Kamin, stellte sie vor ihre Gäste und goß eine tiefschwarze Flüsigkeit ein.

Prego“ , sagte die Katze. Sie zeigte auf eine Zuckerdose, die auf dem Küchenbord stand. „Möchte jemand Zucker in den Kaffee?“

Merlin nippte an seinem Kaffee und hustete auf. Das Gebräu hätte Tote zum Leben erwecken können, war aber sehr schmackhaft. Luzi als ausschließlicher Teetrinker schüttelte sich insgeheim, trank aber dennnoch den Kaffee aus, nachdem er mehrere Löffel Zucker hineingerührt hatte. Schließlich wollte er den Zorn der Nonna nicht auf sich ziehen.

„Nonna, wir brauchen für ein paar Tage eine Unterkunft, um unseren kranken Freund zu pflegen. Wir sind aus dem Palazzo verjagt worden. Kannst Du uns beherbergen, Nonna?“

Flehentlich sah Tano die alte Katze an. Diese wollte, das sah man ihr an, zunächst wieder zu einer Schimpfkanonade ansetzen. Dann besann sie sich eines anderen.

„Unter zwei Bedingungen dürft Ihr bleiben“, sagte sie. „Erstens müsst Ihr essen, was ich koche. Und zweitens sorgt Ihr dafür, dass mein Vorratskeller wieder aufgefüllt wird. Wenn Ihr damit einverstanden seid, dürft Ihr bleiben, bis es Eurem Freund besser geht.“

Luzi räusperte sich. „Liebe Nonna“, begann er. „Ganz egal, wie Ihre Kochkünste – von denen ich selbstverständlich nur das Allerbeste annehme – sind: ich werde ganz sicher alles essen, was mir hier aufgetischt wird. Um ehrlich zu sein, ich sterbe vor Hunger… und natürlich werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um Ihre Vorräte für die nächsten Jahre aufzustocken. Darin bin ich sogar Experte!“

Merlin bemühte sich, ein zustimmendes Nicken zustande zu bringen.

Tano grinste über das ganze Gesicht. Er kannte die Kochkünste seiner Großtante – sie waren ausgezeichnet. Nonna hasste es, für sich alleine zu kochen und ohne Gesellschaft essen zu müssen. Nun waren gleich drei Gäste da – eine kulinarische Herausforderung!

Pfotenreibend machte sich die alte Katze daran, das Pizzablech neben dem Kamin hervorzuzerren und abzustauben. Wo waren doch gleich die dicken Topflappen?

Fortsetzung

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