19. Kapitel – Mara

Was vorher geschah …

I.

Leo, Edwige und ihre Freundin Mignon drehten sich, als sie den Square verließen, zu den beim schlafenden Merlin sitzenden Luzi und Tano um und winkten ihnen ein letztes Mal zu. Die Kater wollten bis zum Einbruch der Dämmerung abwarten, um dann zum Palazzo zurückzukehren, während Edwige, Leo und Mignon in das Dispensario eindringen würden, um dort das Medikament für Merlin zu entwenden. Sie wussten alle: es handelte sich um ein gefährliches Unterfangen. Aber Merlin brauchte das Medikament, um wieder gesund zu werden. Konnte Merlin überhaupt gesund werden?

Leo verbot sich solche Gedanken. Sie krallte sich fest in Edwiges Nackenfell, denn die Katze flog nur so durch die Gasse, die sie zum Dispensario führen sollte.

Sie bogen um ein letzte Kurve: das Dispensario lag vor ihnen. Der Klinikbetrieb war immer noch in vollem Gange. Patienten betraten und verließen die Klinik: Hunde mit verbundenen Pfoten, Katzen mit Bauchbinden, Kaninchen … und überall Menschen, Menschen, Menschen. Es war ausgeschlossen, die Klinik jetzt zu betreten und nach dem Medikament zu suchen. Sie mussten warten, bis es Abend wurde und die Klinik schloss. Dann mussten sie irgendwo ein Schlupfloch finden, durch das sie in die Klinik kamen.

Vorsichtig schlichen die beiden Katzen in die nahe der Eingangstür gepflanzten, vor Blüten überbordenden Oleanderbüsche.

„Der Busch ist giftig, knabbert bloß nicht daran!“ zischte Mignon den beiden Freundinnen zu. Erschrocken wich Edwige einen Schritt zurück – während Leo sich noch tiefer in den Pelz der Katze vergrub. Der Oleander stand voller großer, rosaroter Blüten, obwohl es schon fast Herbst war. Wer würde bei einer so herrlich aussehenden Pflanze an Gift denken?

Langsam brach der Abend herein. Die immer länger werdenden Schatten malten bizarre Figuren auf den Vorplatz des Dispensario. Bald würde die Klinik schließen – nun galt es, einen Weg in das Gebäude zu finden, ohne dabei gesehen zu werden.

Ein Lieferwagen fuhr auf den Hof – die Aufschrift verriet, dass es sich um einen Fliesenleger handelte. „Firenze Piastrellista“ stand in großen Lettern auf dem Wagen – daneben aufgemalt ein Fliesenstapel und ein vergnügt schauender, spachtelschwingender Handwerker. Ganz anders als der gemalte Kollege stieg ein missmutig dreinblickender Mensch aus dem Fahrerhäuschen, klappte die Wagentür mit einem lauten, scheppernden Geräusch zu und schlurfte zum Klinikeingang. Dort klingelte er und schnarrte schließlich in die Sprechanlage: „Pronto! Die Fliesen sind da!“ Dann ging er zurück zum Wagen, öffnete die Hecktür und begann, Fliesenpakete auszuladen.

„Handwerker? Um diese Uhrzeit?“ wunderte sich Edwige. „Die kommen doch sonst am liebsten morgens!“ Mit Unmut erinnerte sich die Katze an frühere Handwerkerbesuche zu Hause bei Zsazsa, die sie meist schon vor 7 Uhr aus ihrem Körbchen gerissen hatten.

„Solange sie in bar bezahlt werden, kommen die Handwerker hier zu jeder Tages- und Nachtzeit“, murmelte Mignon. „Sie werden wohl die Fliesen und Handwerkszeug in die Klinik tragen. Das ist Eure Gelegenheit, hineinzukommen!“

Die Katzen und Leo hatten beratschlagt und beschlossen, dass Mignon vor dem Dispensario warten sollte, während Edwige und Leo auf die Suche nach dem Medikament gingen. So konnte Mignon, sollte bei der Aktion etwas schief gehen, die Kater informieren und Hilfe holen. Dass der Einsatz fehlschlagen könnte, war in der Tat möglich … daran denken wollte aber weder Leo noch Edwige.

Vor Aufregung bebend machte sich Edwige bereit für den Aufbruch. Ihr Einsatz stand nun unmittelbar bevor. Auf Zehenspitzen schlich die Katze – Leo fest im Pelz eingegraben – aus dem Versteck heraus und verbarg sich hinter den drei kleinen Treppenstufen, die zum Eingang des Dispensario führten. Als die Fliesenleger mit ihrer ersten Fliesenladung in der Eingangshalle verschwunden waren, sprang Edwige lautlos durch die Tür, mitten hinein in die Klinik. Im nun leeren Wartezimmer boten sich als Versteck die Stühle, aber auch mehrere Pflanzenkübel an. Hinter letzteren verbarg sich die Katze zitternd. Nun mussten sie warten, bis alle Geräusche in der Klinik verstummt waren und niemand mehr zugegen war.

II.

Luzi und Tano liefen, den kleinen Wagen mit dem geschwächten, schlafenden Merlin hinter sich herziehend, durch die Gasse, die zurück zum Palazzo führte. Bei Einbruch der Dämmerung hatten sie entschlossen, dass nun der beste Zeitpunkt gekommen sei, den sicheren Square zu verlassen und zum Palazzo zurückzukehren. Dort würden sie noch etwas Essbares für Merlin und sich selbst beim kleinen Supermercato nebenan stibitzen und dann gespannt auf die Rückkehr der Katzen warten.

Als sie den großen Torbogen des Palazzo erreichten, waren sie erleichtert. Merlin war immer schwächer geworden; er konnte seinen Kopf kaum noch allein halten. Nun würden sie ihn endlich auf die gemütliche weiche Matratze betten und ihm etwas Wasser und Futter  einflößen können. Sicher würde er sich dann schnell erholen!

Luzi rief Tano zu: „Bleib Du dann hier bei Merlin – ich hole etwas zu Essen nebenan, ok?“

Ein tiefes, böses Knurren war die Antwort. Erschrocken drehte sich Luzi um – was hatte Tano nur? Aber das Knurren kam nicht von Tano.

Hinter Luzi stand ein riesiger, grauer Tigerkater, langhaarig und offensichtlich von seiner Überlegenheit vollkommen überzeugt. Ein so schönes Tier hatte Luzi noch nie gesehen.

Ohne jede weitere Vorwarnung stürzte sich der Tigerkater auf Luzi und verbiss sich in dessen Ohr. Luzi schrie vor Schmerz auf und biss dem Angreifer in Nacken und Kehle. Die dichten, langen Haare schützten den Widersacher jedoch so, dass Luzi kaum eine Reaktion von diesem spürte. Zumindest hatte er sein Ohr losgelassen – so schien es ihm zumindest… unter Geschrei rollten die ineinander verbissenen Kater über den Hof des Palazzo.

Luzi spürte einen Schlag – dann heulte der Angreifer laut auf und ließ Luzi los. Mit einem Satz war der Bösewicht hinter dem Brunnen verschwunden und stieß von dort ein wütendes Fauchen aus.

Tano stand neben Luzi; er hatte sich mit seinem ganzen Gewicht auf den Tigerkater geworfen und Luzi so aus dessen Krallen gerettet. Außer sich vor Wut schrie er den Tiger an: „Tullio, verschwinde von hier! Der Hof ist mein, hörst Du: MEIN Revier! Genügt Dir Dein eigener Palazzo nebenan nicht? Hau ab!“

Tullio ließ ein hämisches Gelächter ertönen. „Dieser Hof war Dein Revier. Nun gehört er mir! Sieh nur, meine Sbirren haben ihn bereits in Besitz genommen!“

Aus den Ecken des Hofes, hinter der Matratze und neben dem Brunnen kamen grimmige Katzengesichter zum Vorschein. Tullio hatte zur Verstärkung mindestens fünf Katzenschergen mitgebracht, denen es an Kraft und Entschlossenheit nicht zu mangeln schien. Zu zweit und mit dem kranken Merlin, den es zu schützen galt, hatten sie gegen die Übermacht von Tullio und seinen Gefolgskatzen keine Chance.

Ein schleuniger Rückzug war das einzige, was ihnen blieb. Tano packte das Wägelchen, auf dem Merlin stöhnend lag und rannte aus dem Torbogen auf die Straße. Luzi stieß noch eine Verwünschung gegen die schamlosen Büttel und ihren abscheulichen Kommandanten aus, dann rannte er Tano hinterher, die Augen blind vor Tränen der Wut.

Wie sollten sie nun für Merlin sorgen?

III.

In der Klinik war Ruhe eingekehrt. Der Fliesenleger hatte seine Utensilien in einen Abstellraum gebracht, hatte dort eine Weile mit den Werkzeugen rumort, um die Arbeit für den morgigen Tag vorzubereiten, und war schließlich gegangen. Offenbar sollte er am kommenden Tag mit dem Verlegen von Fliesen in einem der Behandlungsräume beginnen.

Die Anwesenheit des Handwerkers hatten Edwige und Leo ausgenutzt, um aus dem Wartezimmer heraus tiefer in das Dispensario vorzudringen. Sie mussten die Klinikapotheke, die Farmacia, finden – dort waren alle Medikamente untergebracht.

Edwige schlich durch die Gänge der Klinik. Obwohl kaum Licht hineindrang, sah sie alles gestochen scharf mit ihren Katzenaugen.

Vor einer Tür machte sie Halt. „Vietato l’acesso“ stand dort in großen roten Buchstaben. „Hier muss es sein“, flüsterte Edwige. „So sieht das meist aus, wo sie die Medikamente verstecken!“

Ohne eine Sekunde zu zögern sprang sie an die Türklinke, zog diese herunter und ließ sich gegen die Tür fallen. Sie hatte Glück: die Tür ging nach innen auf. Sofort standen sie mitten im Raum, der diverse Instrumente beherbergte sowie mehrere Operationstische: sie waren im OP gelandet.

„Fehlanzeige!“ zischte Edwige. „Wir müssen weiter suchen!“

Nur ein paar Meter weiter kamen sie an eine Tür, auf der geschrieben stand „Nur für autorisierte Personen“ – „Accessibile soltanto alle persone autorizzate„.

Diese Tür klemmte zwar etwas, konnte jedoch Edwiges hartnäckigen Einbruchversuchen nicht widerstehen. Mit einem Knarren öffnete sich die Tür – dahinter kamen Medikamentenregale zum Vorschein. Sie waren am richtigen Ort!

„Woher wissen wir denn, was wir jetzt mitnehmen müssen?“, wisperte Leo.

„Ich habe zum Glück lange genug in der Tierklinik in Paris gearbeitet, um mich da auszukennen“, sagte Edwige etwas überheblich. Ihre Tätigkeit als Klinikskatze erfüllte sie immer noch mit einigem Stolz.

„I…. I …. I….“ murmelte die Katze und suchte die Regale eins nach dem anderen ab.

„Wieso ist das ihhhh?“ fragte Leo.

Edwige kicherte. „Das ist nicht ihhhh – ich suche ein Medikament, dessen Name mit „i“ beginnt. Ipaktine, um genau zu sein. Das ist der Phosphatbinder.“

„Ja, heisst der hier denn genau so wie in Paris …?“ fragte Leo. Edwige erbleichte. „Ja, keine Ahnung … daran habe ich noch gar nicht gedacht!“

Dann stieß sie einen leisen Seufzer der Erleichterung aus: „Hier ist es! Es heisst wie bei uns. Puuuuuh!“

Sie sprang auf das Regalbrett und steckte zwei Medikamentenpackungen in ihre Umhängetasche. Eine dritte warf sie Leo zu: wer wusste schon, wann sie Nachschub bekommen würden!

„Etwas anderes will ich auch noch mitnehmen für Merlin – ein flüssiges Futter, das ihm wieder Kraft gibt. Wo ist das nur…?“

Sie sprang von dem Regal herunter und lief zwischen den Schrankreihen durch, bis sie fündig wurde. „Reconva …“

Bis hierhin kam sie, dann brach sie mitten im Wort ab. Die Tür war plötzlich aufgegangen, und Licht durchflutete den Raum.

Die junge Tierärztin, die sich heute morgen um Merlin gekümmert hatte, hatte im Medikamentenraum ungewöhnliche Geräusche gehört und hatte nach dem Rechten sehen wollen. Leo erkannte sie sofort. Die erste Reaktion der Schildkröte bestand darin, sich in ihren Panzer zu verkriechen.

Edwige ließ voller Schreck die Glasflasche fallen, die sie eben an sich genommen hatte. Klirrend zerschellte sie am Boden.

Die Tierärztin schloss die Tür und kam auf die Katze zu. Fieberhaft dachte Edwige nach. Wie entkommen? Sie wollte als erstes Zeit gewinnen und kletterte in Windeseile ganz nach oben auf das Regal.

Die Tierärztin sah nun die kleine Schildkröte auf dem Boden, die sich tief in ihrem Panzer versteckt hatte. Sie nahm sie auf ihre Hand – dabei fiel ihr Blick auf die Medikamentenpackung und die kleine Umhängetasche, die Leo gerade hatte umnehmen wollen.

„Was ist denn hier los …?“ fragte die Tierärztin erstaunt. Dann sah sie sich das Medikament näher an, das die Schildkröte offenbar hatte entwenden wollen. Ein Phosphatbinder für nierenkranke Katzen … Halt! Das hatte sie selbst doch dem kranken Kater heute früh geben wollen – der Kater, auf dessen Röntgenbild ein Schildkrötenpanzer erschienen war und den sie für einen Schatten gehalten hatte… was war das für ein seltsamer Zufall?

Die junge Frau ging auf einen Bildschirm zu, knipste ihn an und klickte durch verschiedene Dateien. Schließlich fand sie, was sie suchte: die Röntgenbilder des roten Katers. Da war das Bild mit dem seltsamen Schatten! Sie nahm die immer noch im Panzer verkrochene Schildkröte und setzte sie auf das Bild – es passte zu 100%.

Die Schildkröte, die jetzt hier im Medikamentenraum saß, war heute morgen mit dem nierenkranken Kater in der Klinik gewesen!

Die Tierärztin setzt sich. Träumte sie? Dass dies nicht der Fall war, bemerkte sie sofort: Die Schildkröte steckte ihren Kopf blitzschnell aus dem Panzer heraus, biss die Ärztin in die Hand und wollte daraufhin das Weite suchen!

Nun musste die Ärztin doch lachen. Der Schildkrötenbiss tat zwar weh, aber blutete nicht. Mit einem Handgriff hatte sie das unerschrockene Tier wieder gepackt und hielt es nun zwischen Daumen und Zeigefinger, so daß keine weitere Bisse möglich waren. Leo strampelte hilflos in der Luft!

„Du Frechdachs!“ sagte sie zu der Schildkröte. „Glaubst Du wirklich, Du entkommst mir? Du willst für Deinen kranken Freund den Phosphatbinder holen, nicht? Du hast ihm auch geholfen, heute morgen zu entwischen, denke ich. Das hast Du gut gemacht. Dein Freund würde sonst nicht mehr leben.“

Sie hielt einen Moment inne. Sprach sie hier gerade mit einem Tier? Sicher – nur schien es kein normales Tier zu sein. Die Schildkröte hörte ihr offenbar zu und verstand anscheinend auch alles, was sie sagte!

Ein lautes Rummsen ließ die Ärztin aufschrecken – von einem der Regale hatte sich Edwige todesmutig hinuntergestürzt und wollte nun ihrer Freundin Leo zu Hilfe eilen, war diese doch von einem Menschen ergriffen worden! Fauchend näherte sie sich der Tierärztin, die Leo festhielt!

Die Ärztin streckte ihre Hand freundlich aus und setzte Leo auf den Boden, damit sie zu Edwige krabbeln konnte.

„Ich heisse Mara“, sagte sie. „Ich kann Euch helfen. Als erstes werde ich mal die Scherben dort drüben wegräumen. Dann gebe ich Euch alles für Euren Freund mit, damit er wieder gesund wird.“

Edwige zog es vor, unter der Bank, auf der die Tierärztin – Mara – gesessen hatte, zu verschwinden. Leo kroch schnell zu ihr. „Glaubst Du, wir können ihr vertrauen?“ zischelte sie. „Es bleibt uns nicht viel anderes übrig“, knurrte Edwige.

Als die Reste der zu Bruch gegangenen Flasche beseitigt waren und Leo und Edwige sich ein wenig gesammelt hatten, setzte sich Mara zu ihnen auf den Boden. Sie hatte ein kleines Medikamentenpaket zusammengestellt, was sie auf Edwiges und Leos Taschen verteilte. Dann nahm sie einen Zettel und schrieb etwas darauf.

„Euer Freund wird ganz bestimmt auch Infusionen brauchen – dafür muss er zu einem Tierarzt. Dies ist meine Adresse. Ab morgen arbeite ich nicht mehr hier, ihr findet mich also nicht mehr im Dispensario. Mein Chef hat mich wegen des Vorfalls heute morgen fristlos entlassen, weil ich mich geweigert habe, Euren Freund einzuschläfern. Aber das war es wert. Nun muss ich nur noch eine neue Arbeit finden.“ Sie seufzte.

„Wenn es Eurem Freund schlechter gehen sollte, kommt zu der Adresse, die ich Euch aufgeschrieben habe. Ich kann ihn dort behandeln. Und jetzt schnell nach Hause mit Euch, wo auch immer das ist!“ Die Tierärztin öffnete eine Tür, die direkt nach draußen führte. Bevor sie wegliefen, kritzelte Leo noch ganz groß das Wort „Danke“ auf einen Zettel, und unterschrieb mit „Leo, Edwige und Merlin“.

Dann verschwanden sie im Dunkel der Nacht.

Fortsetzung folgt!

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