17. Kapitel – Im Hinterhof des Palazzo Peruzzi

Was vorher geschah…

Die untergehende Sonne tauchte die Stadt in ein weiches Licht. Unsere vier Freunde warfen noch einen Blick auf den nun weit hinter ihnen liegenden Bahnhof, dessen Dach unter den letzten Sonnenstrahlen aufleuchtete. Dann bogen sie in ein Gässchen ein, von dem sie hofften, dass es sie an ihr nächstes Ziel führen würde: einen Ort, an dem sie etwas Essbares und eine Bleibe für die Nacht finden würden.

Die enge Straße mit ihrem Gewimmel von Menschen, Ladenauslagen, hupenden Autos und knatternden Vespas, die durch das Gässchen eigentlich gar nicht hindurchzupassen schienen, hatte sie sofort verschluckt. Unbemerkt von dem geschäftigen Trubel um sie herum liefen die Freunde weiter und weiter – ja wohin eigentlich?

An einem Torbogen blieb Edwige stehen und spähte in den dahinter liegenden Innenhof. Verwitterte, abbröckelnde Stuckfassaden zeugten von der Pracht vergangener Jahrhunderte. Blumen und Efeu rankten von den Simsen herunter, hier und da wehte ein Wäschestück im leisen Abendwind. Auf einem kleinen Messingschildchen entzifferte die Katze die Aufschrift „Palazzo Peruzzi“.

Geheimnisvoll und verlockend sah der Hof sie aus seinen dunklen Fenstern an.

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Autore: Sailko, icenziato in base ai termini della licenza Creative Commons Attribuzione-Condividi allo stesso modo 3.0 Unported


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Inmitten des Hofes plätscherte einladend ein marmorner Springbrunnen – dahinter aber stapelten sich Kisten und Kästen, eine alte Matratze, Decken und sogar eine schmiedeeiserne Nähmaschine. Ob es sich um Hinterlassenschaften einer Wohnungsauflösung, einen Umzug oder einfach nur einen improvisierten Schrottplatz handelte, war nicht auszumachen.

„Wollen wir hier ein Versteck suchen?“ fragte Edwige. „Der Hof ist voller Gerümpel, da finden wir einen Unterschlupf. Von hier aus können wir auch etwas zu Essen suchen. Was meint Ihr?“

Luzi nickte. „Ja, lasst uns hier ein Lager aufschlagen. Ich kann nicht mehr weiter und habe solchen Hunger!“

Den anderen ging es nicht besser. Sie konnten nicht ziellos weiterlaufen. Und zu weit wollten sie sich vom Bahnhof auch nicht entfernen. Schließlich mussten sie einen Zug nach Siena nehmen … für heute war es aber wichtiger, ein sicheres Nachtlager und Verpflegung zu finden.

Vorsichtig betraten sie den Hof. Auf dem Kopfsteinpflaster klapperten die Holzräder des kleinen Zirkuswagens fast wie Pferdehufe. Nachdem sie den Ort kurz inspiziert und als sicher befunden hatten, begannen die Freunde, ein Lager für die Nacht herzurichten. Sie machten sich eine Ecke der Matratze zueigen, zogen eine der Decken darüber – die trockenste, denn die anderen waren vom Regen, der am Vortag alles befeuchtet zu haben schien, durchweicht, und schoben mehrere Kartons als Sichtschutz davor.

Dann hoben sie Merlin, der sein Beinchen mittlerweile gar nicht mehr bewegen konnte, aus dem Wagen und betteten ihn auf die weiche Unterlage.

Merlin stöhnte. „Ich muss mir das Bein beim Sprung aus dem Zug noch mehr verstaucht haben. Oder ob es doch gebrochen ist? Es ist so angeschwollen, dass ich es nicht mal mehr beugen kann. Und es tut schrecklich weh! Ich weiss nicht weiter…“ Er begann zu weinen.

Leo krabbelte zu Merlin auf die Matratze und streichelte dem alten Kater über die Wange. „Wir finden ganz bestimmt einen Arzt für Dich, Merlin! Spätestens wenn wir bei Zsazsa sind.“

Sie schluckte. Sie wusste, dass ihre Lage eine verzweifelte war. Mitten in einer fremden Stadt, weit weg von zu Hause und von Zsaza – deren Adresse sie nicht einmal hatten – mittellos und mit einem verletzten Freund … wenn nicht ein Wunder geschah, sah es für die vier Freunde sehr düster aus.

Luzi sah seiner Freundin an, was sie dachte. Um nicht seinerseits in Verzweiflungstränen auszubrechen, rief er so zuversichtlich wie er nur konnte: „Ich finde unsere Unterkunft großartig. Habt Ihr schon die wunderschönen alten Patrizierfassaden bewundert? Und die Marmorstatue in dem Brunnen?“

Edwige verstand, was er damit bezweckte. Dennoch knurrte sie missmutig: „All das wäre noch viel schöner, wenn wir etwas im Magen hätten. Luzi, würdest Du hier bei Merlin bleiben, während ich mit Leo nach Proviant suche?“

Luzi nickte. Edwige wollte, dass Merlin nicht unbewacht allein hier blieb. Das war vernünftig, war Merlin doch wegen seiner Verletzung nicht in der Lage, sich zu verteidigen – geschweige denn zu fliehen.

Leo schulterte ihre Schildkrötentasche und kletterte in Edwiges Pelz. Gerade wollten die beiden loslaufen, da erschien im Torbogen eine große, dunkle Gestalt.

Ein riesiger Tigerkater betrat den Hof. Mit aufgeplustertem Schwanz und angelegten Ohren näherte er sich den Freunden.

Edwige spannte unwillkürlich alle Muskeln zum Sprung an. Ihrerseits legte sie die Ohren an und ließ ihren Schwanz hin- und herpeitschen.

„Was willst Du?“ zischte sie dem Tiger zu. Dann ließ sie ein deutliches Knurren hören. Hinter ihr hatte sich Luzi schützend vor Merlin gestellt, der vor Angst und Aufregung zu schnurren begann.

„Was wollt Ihr hier, Fremde?“ fauchte der Tiger. „Dieser Hof gehört der Catza nostra. Ohne passaporto des Commandante darf hier niemand herein. Habt Ihr Schutzgeld bezahlt?“

Drohend baute sich der Kater vor Edwige auf, die mit ihrem Katzenbuckel und dem steil aufgestellten Buschelschwanz zum Angriff bereit schien. Edwige stieß ein langgezogenes, tiefes Heulen aus – das Zeichen, dass nur noch Sekunden bis zum Kampf blieben! In höchster Aufregung wühlte sich Leo in die wie eine Löwenmähne aufgestellte Halskrause der Katze.

In diesem Moment ertönte ein Schrei – und ein helles Fellbündel flog aus einer der oberen Etagen direkt auf den Angreifer. Ein wildes Kreischen erklang, dann trennten sich vor den Augen unserer Freunde zwei Katzen: der Tigerkater und eine etwas kleinere Katze, schwarz-weiss gescheckt – und offenbar in rasender Wut.

Die Katze richtete sich vor dem Tigerkater auf und herrschte ihn an: „Tano, heute ist das letzte Mal, dass ich Dich bei der Schutzgelderpressung erwische! Wie oft habe ich Dir gesagt, dass ich so etwas hier nicht dulde!“

Mit vor Wut funkelnden Augen starrte sie den Tiger an. „Die Catza nostra kann mir gestohlen bleiben! Was haben die je für uns getan? Wenn ich jemals wieder einen von diesem Pack hier sehe, haben sie die längste Zeit Schande und Verderben über uns gebracht!“

Die Drohung war glaubhaft. Die Katze war zwar nicht sehr groß, hatte aber lange, messerscharfe Krallen und regelrechte Raubtierzähne.

Bedröppelt zog der Tigerkater sich zurück und leckte seine Pfote, die von den Krallen seiner Kontrahentin nicht verschont geblieben war. Leise knurrte er: „Nichts für ungut. Man wird es ja noch versuchen dürfen!“

Dann wendete er sich an Edwige und meinte kleinlaut: „Ok, Ihr braucht kein Schutzgeld zu zahlen. Das war nicht so gemeint. Ich gehöre gar nicht zur Catza nostra – wollte nur mein Taschengeld aufbessern. Hier bleiben könnt Ihr allerdings nicht lang. Wir sind kein Hotel. Wenn hier zu viele Katzen leben, werden wir wieder verjagt.“

Edwige hatte ihre buschige Halskrause, den Rückenkamm und den Buschelschwanz geglättet und sagte mit fester Stimme, die keine Angst verriet: „Nichts für ungut. Wir wollen nicht bleiben – wir sind auf der Durchreise. Für heute Abend brauchen wir nur ein Nachtlager und etwas zu Essen. Und unser verletzter Freund müsste behandelt werden. Wir wärem Euch dankbar, wenn Ihr uns in Eurem Hof eine Nacht beherbergen würdet.“

Die schwarz-weisse Katze blinzelte Edwige freundlich zu. „Ich heisse Mignon. Der ungehobelte Patron dort drüben ist Tano. Wenn man ihn näher kennt, hat er durchaus etwas Charme.“

Edwige blinzelte zurück. Ganz sicher war sie sich der guten Absichten der anderen Katze noch nicht.

Mignon lief geschmeidig auf das Versteck von Merlin zu und begrüßte diesen mit einem Nasenstupser. Dann beschnupperte sie Luzi. Ohne weitere Worte bedeutete sie Edwige dann, mit ihr aus dem Hof auf die Straße zu kommen – offenbar, um dort etwas Essbares zu beschaffen.

Tano blieb in gebührender Entfernung von Luzi und Merlin im Hof sitzen. „Wo kommt Ihr her?“ wollte er wissen.

Luzi entschied, dass es das Beste war, die Karten auf den Tisch zu legen. Er erzählte ihre Geschichte von Anfang an, bis zu dem Moment, wo sie aus dem Zug geworfen worden waren.

„Dio!“ hauchte Tano. „In der Eisenbahn wart Ihr, und dann auf den Gleisen? Ihr seid wirklich sehr mutig. Keine zehn Pferde könnten mich in die Nähe dieser Ungeheuer bringen!“

Edwige war indessen der schwarz-weissen Katze gefolgt. Diese war geschickt unter den Auslagen, den parkenden Autos und zwischen den Tischen und Stühlen der Restaurants und Bars hindurchgeschlüpft und stand nun vor einer kleinen Trattoria. „Da Gepetto“ stand in großen Lettern über der Eingangstür.

Die Küche von „Da Gepetto“ stand offen – sie ging direkt auf eine kleine Nebengasse heraus. Hierhin führte Mignon ihre neue Freundin.

Eine riesiger Müllsack stand neben der Küchentür. Mit einer geübten Bewegung ihrer messerscharfen Krallen schlitzte Mignon den Sack der Länge nach auf und zog blitzschnell Fleisch- und Fischreste heraus. Man sah ihr an, dass sie dies nicht zum ersten Mal machte.

Grinsend reichte sie Edwige ihre Beute. „Hier findet man immer etwas Gutes! Und wenn es nur Spaghetti mit Butter sind. Reicht das für Euch alle? Lass uns schnell verschwinden – wir sind hier nur geduldet.“

Leo traute sich nun das erste Mal, aus Edwiges Pelz hervorzugucken. „Ciao Mignon,“ sagte sie und probierte so ihre recht begrenzten Italienisch-Kenntnisse aus. „Ich bin Leo!“

Mignon schien beim Anblick der Schildkröte zu erstarren. „Cielo!“ rief sie voller Schrecken aus. Leo tauchte sicherheitshalber wieder in Edwiges Halskrause unter.

Mignon fasste sich und schüttelte den Kopf. „Ihr seid eine unglaubliche Truppe.“

Kurz bevor sie wieder in ihrem Hinterhof angekommen waren, verlangsamte Mignon ihren Schritt. Sie räusperte sich. „Euer kranker Freund…“ begann sie.

Leo sah sie voller Angst an. Mignon fuhr fort. „Er muss unbedingt behandelt werden. Er wird sonst nie wieder laufen können. Ich habe so eine Verletzung schon einmal gesehen, daher weiss ich es. Er muss in die Tierklinik. Morgen.“  Sie sah Edwige durchdringend an.

Edwige wusste, dass Mignon Recht hatte.

Fortsetzung folgt!

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