16. Kapitel – Drei Katzen und eine Schildkröte in Italien

Was vorher geschah …

Nachdem Abby ihrem Freund erzählt hatte, wie Edwige den heimtückischen Dieb verjagt hatte, hatte sich der junge Mann kopfschüttelnd auf den Sitz gegenüber seiner Freundin fallen lassen.

„Ich bin ihnen wirklich sehr dankbar, dass sie unsere Sachen gerettet haben. Aber was willst Du nun mit dieser Menagerie machen, Abby? Wir können doch nicht mit drei Katzen reisen.“

„Die drei haben auch noch eine Schildkröte dabei,“ korrigierte Abby, während sie auf Leo zeigte, die auf ihrem Parka direkt am Fenster saß.

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Jay stöhnte auf, als er den vierten blinden Passagier entdeckte. „An die Schildkröte hatte ich gar nicht mehr gedacht. Also mit drei Katzen und einer Schildkröte… Wir wollen durch ganz Italien reisen, Abby – wie sollen wir uns denn da um all die Vierbeiner kümmern?“

Er reichte Abby den mitgebrachten Kaffee, der mittlerweile fast kalt war, und die Wasserflasche.

Abby zog ein kleines Tellerchen aus ihrem Rucksack und goß etwas Wasser darauf. Dann stellte sie es unter den Sitz, wo Merlin sich gierig darauf stürzte. „Wir brauchen uns gar nicht um sie zu kümmern“, sagte Abby. Sie bat Leo, ihr den Fahrplan zu geben, den die Schildkröte ihr vorhin gezeigt hatte, und hielt ihn Jay vor die Nase.

„Das hier ist ihre Reiseroute. Ihr Ziel ist Siena. Offenbar wollen sie dort jemanden besuchen. Vielleicht lebt da ihre Familie?“

Jay schüttelte den Kopf. „Abby, Du spinnst gerade. Sicher haben sie das Papier irgendwo gefunden. Aber dass sie so ganz allein nach Siena reisen wollen – das glaube ich nicht!“

Hier war es mit Leos Geduld zuende. Aufs äußerste verärgert, weil man sie nicht für imstande hielt, eine einfache Bahnreise zu bewältigen – schließlich war sie mehrmals von Dresden bis nach Paris und zurück gefahren! – schnappte die Schildkröte dem jungen Mann den Reiseplan weg, knüllte ihn zusammen und stopfte ihn in ihre Umhängetasche. Dann zog sie ihren Bleistift aus der Tasche, schrieb auf den Kassenzettel, der neben Abbys Kaffee lag, in wütenden Großbuchstaben „Wir fahren nach Siena! Zu Zsazsa!“, knallte den Stift auf die Ablage und sah den Jungen mit zornblitzenden Augen an.

„Okay, okay!“ beeilte sich dieser zu beschwichtigen. „Ihr sollt ja nach Siena reisen, wenn Ihr das wollt.“

Dann sah er Abby vorwurfsvoll an. „Deine Kumpels gestern auf der Fete, die müssen mir einen ganz komischen Stoff zu rauchen gegeben haben! Jetzt spreche ich schon mit schreibenden Schildkröten. Ich brauche dringend etwas Schlaf… weckst Du mich auf, wenn wir ankommen?“

Er legte sich der Länge nach auf die Sitzbank, zog sich die Strickmütze über das Gesicht und schlief ein.

Abby sprach indessen mit ihren neuen Freunden. „Ich habe mir Euren Fahrplan angesehen. Ihr müsst genau wie wir nach Florenz. Bis dahin können wir zusammen fahren – und vor allem können wir gemeinsam umsteigen! Das ist für Euch viel einfacher und sicherer. Ihr lauft einfach mit uns mit, da fallt Ihr kaum auf. In Florenz bringen wir Euch zu Eurem Zug und suchen Euch ein Versteck. Siena ist dann nicht mehr weit! Wenn Ihr erst einmal in Siena seid, schafft Ihr es auch bis zu Eurer Familie – da bin ich sicher!

Dankbar nickte Leo Abby zu. Sie krabbelte dann vom Sitz herunter, unter die Bank zu ihren Freunden. Dort legte sie sich zu Luzi, flüsterte ihren Freunden zu: „Wir sind bald bei Zsazsa!“ – und schlief ein.

Mittags erreichten sie Mailand. Als sie im dichtesten Getümmel hinter Abby und Jay herliefen, immer dicht an den beiden, waren Leo und die Katzen sehr froh, dass sie nicht allein auf sich gestellt waren. In Menschenbegleitung war das Umsteigen eine ganz einfache Sache!

Der Zug, in den sie dann einstiegen, war heillos überfüllt. Abby und Jay mussten im Gang auf dem Boden sitzen – für die Katzen hatte Abby ihren Parka so über die beiden Rucksäcke gelegt, dass eine kleine Höhle entstand, in der die Tiere sich verstecken konnten. Natürlich hatten sie keine Fahrkarte – und durften schon deshalb nicht auffallen.

Pünktlich um viertel nach Vier traf der Zug in Florenz ein. Jay und Abby fanden nach mehreren Nachfragen das Gleis heraus, auf dem der Zug nach Siena abfahren sollte. In diesen setzten die beiden jungen Leute unsere Freunde.

Abby notierte eine Nummer auf einem Zettel, rollte das Papierchen mit einem 20 Euro-Schein zusammen und steckte beides mit etwas Kleingeld in Leos Umhängetasche. „Das ist meine Telephonnummer – und ein bisschen Geld.Vielleicht braucht Ihr das mal, Ihr Vier.  Passt gut auf Euch auf!“

Jay half den Freunden in den Zug und half ihnen, sich in einer Nische zu verstecken. Abteile gab es in diesem Zug nicht.

Als der Zug mit einem Ruck zur Abfahrt ansetzte, begann Abby zu weinen. „Hoffentlich passiert ihnen nichts! Wir hätten mitfahren sollen, Jay.“ Jay winkte dem Zug hinterher. „Deine Freunde sind sehr aufgeweckt. Ich bin sicher, sie schaffen das. In nicht mal zwei Stunden sind sie in Siena!“

Zwar hatte Jay mit seiner Aussage, unsere vier Abenteurer seien aufgeweckt, durchaus recht.

Ihre Ankunft in Siena sollte sich indessen verzögern, denn wenige Minuten nach der Abfahrt aus Florenz – sie hatten den Bahnhof kaum hinter sich gelassen – entdeckte sie ein außerordentlich ungehaltener, an einer Katzenphobie leidender Passagier. Nachdem dieser die Katzen unter Gebrüll mit seinem Gehstock aus ihrem Versteck hervorgestochert und das Zirkuswägelchen aus dem Zug geworfen hatte, waren die Katzen – Leo in Luzis Pelz festgekrallt – voller Angst durch das weit geöffnete Fenster aus dem noch langsam fahrenden Zug mitten auf die Gleise gesprungen, während neben ihnen der Zug nach Siena vorbeizog.

Merlin fasste sich als erster. Er schrie seinen Freunden zu: „Runter von den Gleisen! Sofort!“ Blitzschnell hatte er die Situation erfasst – sie befanden sich mitten im Berufsverkehr in der Bahnhofsausfahrt : einen gefährlicheren Ort konnte es für sie nicht geben. Es gab nur eine Lösung – sie mussten so schnell wie möglich von den Gleisen verschwinden.

Edwige zeigte auf ein kleines Häuschen, das abseits der Gleise etwas Schutz zu bieten schien. „Das ist ein Transformatorenhäuschen,“ rief Merlin. „Da ist Starkstrom drin, wir können da auf keinen Fall hinein. Aber vielleicht finden wir dahinter Schutz!“

Als sie seitlich an dem Häuschen einen Vorsprung sahen, unter dem sie sich verstecken konnten, atmeten die Katzen auf. Luzi zitterte am ganzen Leib.

Edwige versuchte, ihn zu beruhigen. „Hier sind wir erst mal sicher. Sobald es Nacht wird, verschwinden wir von hier und überlegen uns einen neuen Plan!“

Leo kroch aus Luzis Pelz und schüttelte sich, so weit das einer Schildkröte möglich ist. „Das war knapp,“ stöhnte sie. „Wo ist unser kleiner Wagen? Den brauchen wir doch …“

Jetzt erst bemerkten die Freunde, das Merlin mit schmerzverzerrtem Gesicht unter dem Mauervorsprung lag. Er keuchte. „Ich muss mir mein verletztes Bein verstaucht haben, als ich aus dem Zug gesprungen bin,“ flüsterte er. „Ich kann kaum noch damit auftreten. Ihr müsst mich hier zurücklassen.“

Erbost stieß Edwige aus: „Hier wird niemand zurückgelassen!“

Das Zirkuswägelchen lag etwa hundert Meter entfernt von ihnen neben dem Gleis, auf dem der Zug nach Siena den Bahnhof verlassen hatte. Die bunte Aufschrift ‚Zirkus grüsst‘ war sogar aus der Entfernung zu erkennen. „Ich hole den Wagen! Ohne den schaffen wir es nicht“, rief sie und rannte mit dem Mut der Verzweiflung los.

Luzi schrie Edwige hilflos nach: „Da kommt ein Zug!“ aber die Katze war schon zu weit weg. Halb rennend, halb schleichend näherte sie sich – immer zwischen den Gleisen laufend – dem kleinen Bollerwagen. Kaum hatte sie ihn erreicht, da donnerte der einfahrende Zug nur wenige Zentimeter an ihr vorbei.

Die Freunde hatten von ihrem Versteck aus beobachtet, wie Edwige bis zu ihrem Wagen gelaufen war. Dann hatten sie den Zug anrollen sehen, der nun die Szene verdeckte. Edwige war nicht mehr da.

Luzi warf sich schluchzend zu Boden. „Edwige!“ rief er verzweifelt. „Edwige…“ Dann versagte seine Stimme.

Leo war starr vor Schreck. Hatte der Zug Edwige überrollt? Der hunderte Meter lange Zug ratterte immer noch über die Gleise, sie spürten die Erschütterungen bis hinter die Transformatorenstation.

„Ich hab ihn!“

Staubbedeckt und verdreckt stand Edwige vor ihnen – den Wagen hinter sich herziehend. Leo und Luzi stürzen sich auf sie und umarmten die mutige Tigerkatze. Merlin nickte Edwige dankbar zu.

„Der Wagen ist sogar fast heil geblieben. Er fährt jedenfalls noch. Ein paar Speichen sind raus, aber die können wir irgendwann ersetzen.“

Zitternd setzte sich Edwige zu ihren Freunden.

„Als der Zug da neben mir entlanggedonnert ist, da dachte ich, das ist das Ende… Aber ich habe mich im Boden festgekrallt und habe nicht aufgeschaut. Irgendwie konnte ich dann zu unserem Wagen und hierher zurück.“

Voller Angst, aber doch erleichtert saßen die vier Freunde an der Transformatorenstation – gut versteckt vor neugierigen Blicken – und beratschlagten. Si entschlossen, bis zur Dämmerung zu warten und sobald die Nacht hereingebrochen war, ihr Versteck zu verlassen.

Hungrig, durstig und mit dem verletzten Merlin fanden sie sich in einer fremden Stadt wieder, in der sie niemanden kannten.

Als die Sonne unterging, brachen unsere Freunde auf ins Unbekannte.

Florenz, so sagte Merlin, sollte eine herrliche Stadt sein.

zur Fortsetzung

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Jörg Bittner (Unna) unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

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