15. Kapitel – Abenteuer Zugfahrt

Was vorher geschah…

Der Zug, der unsere vier Freunde nach Italien bringen sollte, war langsam aus dem Gare de Lyon herausgefahren, hatte die Stadt durchquert und Paris hinter sich gelassen. Merlin und Edwige hatten sich ganz tief unter die Sitzbank verkrochen und hätten um nichts in der Welt unter der Bank hervorlugen wollen. Die vorwitzige Schildkröte war hingegen bald neugierig geworden und hatte sich bis an den Rand der Sitze gewagt – dort hatte der junge Mann, der nun auf dem Sitz gegenüber Platz genommen hatte, seinen Rucksack abgestellt. Dieser bot Leo Schutz – so konnte sie einen Blick auf das Abteil werfen, ohne selbst gesehen zu werden.

Auf der Bank gegenüber saß also der junge Mann. Von ihm sah man immerhin die Beine, die in schweren Wanderschuhen steckten. Das Mädchen sah Leo nicht – es hatte die Schuhe ausgezogen und sich der Länge nach auf die Sitze gelegt, unter denen unbemerkt die drei Katzen und Leo saßen.

Der junge Mann wühlte in einer kleinen Umhängetasche und zog mehrere Zettel heraus. Leo erkannte sofort die Fahrpläne, die genau so wie ihrer mit einem der Automaten auf dem Gleis ausgedruckt worden waren.

„Abby, wir müssen ja erst heute Nachmittag wieder umsteigen. Ich würde gern im Speisewagen frühstücken, und dann eine Weile schlafen. Wie sieht es mit dir aus?“

Das Mädchen antwortete nur mit einem Grunzen. Sie wollte offenbar nicht mit zum Speisewagen, sondern lieber hier im Abteil schlafen. „Ok, ich bring Dir nachher einen Kaffee mit.“ Er stand auf. Nun war das Mädchen doch aufgewacht. „Prima – Kaffee und eine Flasche Wasser, bitte!“ Dann drehte sie sich auf der Sitzbank um und zog sich ihren Parka über den Kopf.

Der junge Mann drückte die Abteiltür auf und zog, bevor er auf den Gang heraustrat, einen Vorhang vor die Abteiltür. So würden hoffentlich keine weiteren Reisenden in das Abteil kommen.

Leo und die Katzen blieben im Abteil zurück – über ihnen das schlafende Mädchen, das Abby hieß.

Leo krabbelte auf dem Rucksack bis auf die Höhe des Sitzes und vergewisserte sich, dass Abby wirklich schlief. Sie sah allerdings nur eine ausgestreckte Gestalt mit einem Parka über dem Kopf. Da von sichtlich keine Gefahr ausging, kletterte Leo weiter, bis ans Fenster. Sie sah auf endlose weite Felder, in der Ferne lag ein kleines Dorf. Italien schien noch weit weg zu sein…

Schnell kroch Leo zurück zu ihren Freunden, den Rucksack herab. Immerhin konnte sie ihnen mitteilen, dass das Menschenmädchen schlief und der Junge sicher nicht so bald zurückkehren würde. Die nächsten Stunden sollten sie am besten ganz ruhig unter dem Sitz verbringen – fast wie normale Passagiere.

Merlin und Edwige hatten sich schon in die hintere Ecke gekuschelt und waren dabei, einzudösen. Luzi hingegen scharrte nervös auf dem Boden herum und kroch unruhig hin und her.

„Was ist denn los, Luzi?“ fragte Leo. „Bist Du gar nicht müde? Wollen wir uns nach hinten zu den anderen legen? Ich könnte sofort einschlafen!“

Luzi wollte erst nicht mit der Sprache heraus. Erst als Edwige ihn zurechtwies, weil sie bei dem Gescharre nicht schlafen könne, und er sie zudem damit sicher verraten würde, flüsterte Luzi verschämt: „Ich weiss ja nicht, wie es Euch geht – aber ich glaub, ich muss unbedingt mal für kleine Königstiger!“

Dann sah er hilflos unter der Sitzbank hervor, als ob sich dort eine Lösung finden würde.

Edwige setzte gerade dazu an, wie ein Rohspatz zu schimpfen – schließlich sei Luzi alt genug, derlei vor einer langen Zugfahrt zu erledigen – da meinte Leo, sie habe gleich neben dem Abteil ein Schildchen „Toilettes“ gesehen. Sicher würde man das Problem dort lösen können.

Luzi sah Leo und Edwige gequält an. „Ich glaube, da muss ich irgendwie hin!“ Edwige fand, es sei viel zu gefährlich, das sichere Versteck zu verlassen – draußen würde man möglicherweise sogar den Schaffner antreffen – horribile dictu – und wer weiss, was dann passieren würde. Nun mischte sich auch Merlin ein. „Wir müssen es mit diesen Menschentoiletten ausprobieren, Edwige. Wie sollen wir denn die lange Reise durchhalten. Wir sind doch noch mindestens bis heute Abend unterwegs.“

Leo schluckte. Daran hatte sie auch nicht gedacht…

In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein Mann betrat leise das Abteil. Es war aber nicht der Junge, der mit dem Mädchen reiste – der war immer noch im Speisewagen und aß dort Frühstück. Der Mann schlich an den Rucksack, der vor dem Sitz stand und zog geräuschlos einen Reissverschluss an der Seite auf. Neben sich hatte er eine Tasche bereitgestellt, so als ob er dort etwas hineintun wolle. Der Mann durchwühlte den Rucksack, hatte aber offenbar noch nicht gefunden, was er suchte.

Edwige sah ihre Freunde an und flüsterte: „Das ist ein Dieb!“ Ohne weiter zu überlegen schoss sie unter der Sitzbank hervor und sprang dem Mann von hinten auf den Kopf. Sie verkrallte sich in seinen Nacken und Kopf und riss mit aller Kraft an seinen Haaren. Luzi schickte sich indessen an, das Bein des Mannes zu kratzen – dies war aber gar nicht mehr nötig, um den Mann zu vertreiben. Der stieß einen lauten Schmerzensschrei aus, gestikulierte wild, um sich zu befreien – dann packte er seine Tasche und rannte in Panik aus dem Abteil. Sofort ließ Edwige von ihm ab, sprang auf den Boden und war mit einem Satz unter den Sitzen verschwunden, ebenso Luzi.

Zitternd vor Aufregung verkroch sich die mutige Katze bis ganz nach hinten unter die Bank. „Dem hab ichs gegeben!“ flüsterte sie stolz.

Dann erst sah sie, dass ein mehr erstauntes als erschrockenes Mädchengesicht sie unter der Bank anstarrte. Abby war von dem Lärm und dem Geschrei des Mannes aufgewacht, hatte einen kleinen Schatten unter der Bank verschwinden und dann einen Teil ihrer Habseligkeiten auf dem Boden liegen sehen – der Mann hatte sie aus dem Rucksack herausgeholt, aber nicht mitnehmen können – und hatte beim Aufsammeln der Sachen bemerkt, dass unter der Sitzbank noch weitere Passagiere saßen.

„Hallo Ihr drei!“ sagte sie freundlich. „Ich glaube, Ihr habt gerade unsere Reise gerettet. Wenn der Mann eben noch etwas länger Zeit gehabt hätte, in Jays Tasche zu suchen, hätte er unser Reiseportemonnaie und unsere Pässe gefunden. Ich danke Euch!“

Dann fügte sie hinzu: „Ihr seid nicht vom Zirkus, nicht? Aber wohin reist Ihr denn, so ganz allein?“ Besorgt sah sie die Katzen an.

Leo befand es als das Beste, dem Mädchen ihren Plan zu erklären. Sie krabbelte unter dem Sitz hervor, kramte die Zugverbindung aus ihrer Schildkrötentasche und breitete sie vor dem Mädchen aus. Dann sah sie Abby treuherzig an und tippte mit ihrer Tatze auf das Wort „Siena“ ganz unten auf dem Blatt Papier.

Abby brauchte einen Moment, um sich zu fassen. „Dabei habe ich gestern auf der Fete gar nichts geraucht!“ murmelte sie.

„Ihr reist also nicht zu dritt, sondern zu viert!“ sagte sie dann fröhlich. „Bis Siena wollt Ihr … das ist weit. Vielleicht können wir Euch dabei ein wenig helfen. Ich glaube, ein bisschen Hilfe von Freunden könnt Ihr sicher gebrauchen.“

Sie streckte die Hand vorsichtig unter die Sitzbank, damit die Katzen daran schnuppern konnten. Edwige traute sich, die Hand mit ihrer Nase zu berühren, Merlin und Luzi hingegen drückten sich voller Angst an die Rückwand des Abteils. Leo krabbelte einfach auf Abbys Hand. So konnte man sich immer noch am besten kennenlernen! Sie nahm den Fahrplan wieder hervor und zog einen Bleistift aus ihrer Tasche. Dann schrieb sie – etwas krakelig, da sie noch nicht lange schreiben konnte – neben das Wort Siena „Zu Zsazsa!“. Abby sollte verstehen, dass sie ein Reiseziel hatten und nicht verloren gegangen waren.

„Aha“, sagte Abby. „Ihr wollt jemanden besuchen! Dann seid Ihr also echte blinde Passagiere. Das ist ja fein!“

Sie setzte Leo neben das Fenster, damit sie etwas von der Landschaft sehen konnte. Mittlerweile hatte sich diese sehr verändert: Leo sah einen Fluss, der sich majestätisch durch ein Tal wand, Weinberge an beiden Ufern … Leo war begeistert von dem herrlichen Anblick.

„Luzi“, rief sie. „Ihr solltet Euch das ansehen, es ist wunderschön hier – Edwige, Merlin guckt doch mal!“

Edwige lugte immerhin einmal kurz unter der Sitzbank hervor, aber die beiden anderen blinden Passagiere wollten lieber in Deckung bleiben.

„Was ist denn nun mit den kleinen Königstigern…?“ fragte Edwige Luzi.

„Oh, das ist erledigt.“ meinte Luzi leichthin. „Dieser Mann eben, der hatte da diese Tasche … die war sehr praktisch.“

Merlin prustete los. „Gut gemacht, Luzi!“ kicherte Edwige. So hatte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen – und der Dieb würde sich bestimmt nicht beschweren kommen!

Die Abteiltür öffnete sich – der junge Mann trat ein. Er hatte eine Kaffee und eine Flasche Wasser dabei. Als er Katzen und Schildkröte sah, ließ er fast die Wasserflasche fallen vor Schreck.

Abby lachte fröhlich. „Ich hatte übrigens Recht, Jay. Unsere Freunde hier reisen ganz allein!“

zur Fortsetzung

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