14. Kapitel – Reise nach Italien

Was vorher geschah…

Die vier Freunde hatten, nachdem Leo die ausgedruckte Zugverbindung zusammengefaltet und in ihre Schildkrötentasche gesteckt hatte, als nächstes nach einem Plätzchen für die Nacht Ausschau gehalten. Bei den Gleisen ganz am Rande des Bahnhofs waren sie fündig geworden – nicht weit von der Stelle, an der Luzi früher seine kleine Behausung gehabt hatte. Das ganze Terrain war jedoch nun asphaltiert worden und man hatte einen gläsernen Passagierunterstand eingerichtet. Kopfschüttelnd hatte sich Luzi von dem Ort abgewendet, an dem er jahrelang gelebt hatte.

Unweit des Häuschens, das bei Regen den Reisenden Unterschlupf gewähren sollte, fanden die Freunde einen Mauervorsprung, unter dem sie sich vor neugierigen Blicken verstecken konnten. Es war allerdings mittlerweile so spät, dass man sowieso kaum noch Menschen antraf. Das Gleis schien vorwiegend die Züge des Berufsverkehrs zu bedienen.

Edwige kramte aus dem Wägelchen „Zirkus grüsst“ eine Dose Katzenfutter hervor und zog den Deckel geschickt ab. Dann fischte sie mit ihren geübten Pfoten das Futter heraus. Hungrig fielen die drei Katzen darüber her, während Leo den Rest des belegten Brötchens mümmelte, das sie noch von der Reise aus Dresden in ihrem kleinen Reisebeutel hatte.

Nachdem Luzi sich das Mäulchen ausgiebig mit den Pfoten geputzt hatte, murmelte er „Weckt mich auf, wenn wir losmüssen!“, rollte sich zusammen und schlief ein. Edwige kuschelte sich an ihn an und sagte „Ich schlafe nur ein paar Minuten“, und war ebenfalls eingeschlafen.

Merlin kratzte die letzten Futterreste aus der Dose. Dann blinzelte er Leo zu, die verzweifelt an ihrem Sepiaschalenstückchen, das sie sich sicherheitshalber aus Dresden mitgebracht hatte, knabberte.

„Du glaubst nicht, dass wir diese Reise meistern, nicht wahr Schildkröte Leo?“ fragte der Kater.

Leo sah erschreckt auf. „Ja – äh nein meine ich natürlich …“ Dann  stammelte sie entsetzt: „Woran hast Du das gemerkt?“

„Ich habe Deine Miene studiert, während Du uns den Fahrplan für morgen erklärt hast“, sagte der Kater ruhig. „Und auch jetzt braucht man Dich nur anzusehen, um zu bemerken, dass Du Dir Sorgen machst. Wenn ich richtig gezählt habe, müssen wir sechs mal umsteigen?“

„Sieben“ korrigierte Leo leise.

„Gut, also sieben mal. Und wir sind den ganzen Tag unterwegs. Es ist im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit, dass wir das schaffen, ohne bemerkt zu werden. Das weisst Du, nicht wahr? Ich habe es Dir vorhin angesehen.“

„Ja“, hauchte Leo, mit den Tränen kämpfend. „Aber was sollen wir tun? Wir müssen es doch wenigstens versuchen …“. Sie verstummte.

Merlin rieb sich nachdenklich die Nase. „Gibt es keinen anderen Zug? Mit dem wir weniger oft umsteigen müssen? Wir könnten eine Chance haben, wenn wir hier einsteigen, uns verstecken und dann die ganze Reise über im Versteck bleiben – bis wir da sind.“

Leo schüttelte den Kopf. „Auf dem Fahrplan habe ich nur diesen Zug gesehen. Aber vielleicht finden wir eine andere Verbindung, wenn wir einen anderen Abfahrtsbahnhof eingeben? In Paris gibt es ja mehrere Bahnhöfe …“

Merlin war begeistert von dieser Idee. „Schildkröte Leo, Du bist großartig!“ Er ließ Leo auf seinen Rücken krabbeln und humpelte voller Hoffnung los in Richtung Fahrplanauskunft. Voller Schreck bemerkte Leo, wie abgemagert Merlin und wie struppig und zottelig sein Fell war. Sie ließ sich aber nichts anmerken, denn das wäre sehr unhöflich gewesen. Sie hatte, ohne dass Edwige etwas gesagt hätte, bemerkt, dass Merlin sehr krank gewesen sein musste – und dass er deutlich älter war als Edwige und Luzi.

Die 200 Meter zum Fahrplanautomaten legte Merlin keuchend zurück. Leo kletterte ein weiteres Mal auf das Gerät hinauf und tippte den Zielbahnhof „Siena“ ein. Den Abfahrtsbahnhof ließ sie diesmal innerhalb von Paris offen.

Dann rief sie voller Freude auf „Ich habs! So kann es klappen!“ Sie drückte auf dem Automaten herum und das Gerät warf einen neuen Fahrplan aus.

Leo schnappte sich das Blatt Papier, stopfte es in ihren Beutel und lief zu Merlin, der in sicherer Entferung gewartet hatte.

„Wir müssen sofort los, Merlin – wir müssen Luzi und Edwige wecken“, rief Leo atemlos. „Am Gare de Lyon fährt ein Zug direkt bis Mailand und dann weiter nach Siena. Wir müssen mit dieser Verbindung nur zwei mal umsteigen. Wie weit ist es bis zum Gare de Lyon? Wie kommen wir dort hin?“

Minuten später waren die beiden Freunde zurück am Versteck. Leo tatzelte Luzis Nase, bis er aufwachte. „Luzi!“ rief sie leise. „Wir haben einen neuen Plan. Wir fahren vom Gare de Lyon ab – in wenigen Stunden. Wir müssen so schnell wie möglich dort hin!“

Luzi schüttelte sich und weckte Edwige auf. Schlaftrunken sagte er „Edwige, die wollen zum Gare de Lyon … das ist weit weg. Und jetzt fährt keine Metro!“

„Seid Ihr des Teufels?“ knurrte Edwige. „Wie sollen wir denn da hinkommen?“

Merlin und Leo erklärten ihren Freunden die missliche Lage. Schnell hatte Edwige ihre Entscheidung getroffen. „Wenn das der sicherste Weg zu Zsazsa ist, bin ich dabei. Wie kommen wir zu diesem Bahnhof?“

Atemlos erklärte Leo ihren Plan. Da keine Metro verfügbar war, sollten sie zu Fuß (Merlin im Wägelchen) die etwa 4 Kilometer bis zum Gare de Lyon zurücklegen. Das war anstrengend, aber machbar. Mitten in der Nacht würden sie wohl kaum Menschen antreffen – und wenn, dann hatten diese sicher anderes zu tun, als drei Katzen und einer Schildkröte hinterherzulaufen.

Luzi kannte den Weg. Er war in den Jahren, in denen er am Gare de l’Est gelebt hatte, viel in Paris herumgekommen und kannte die rive droite wie seine Westentasche. So verließen die Freunde um kurz nach drei Uhr früh den Gare de l’Est. Luzi zog als erster den kleinen Bollerwagen, in dem Merlin zusammengerollt lag – Leo zwischen seinen Vorderpfoten. Der rote Tigerkater war sehr nervös, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Leo konnte trotz aller Aufregung ihre Augen nicht mehr offenhalten. Sie war seit dem frühen Morgen des vorigen Tages wach und hatte eine anstrengende und gefährliche Reise von über Tausend Kilometern hinter sich. Die gleichmäßigen Bewegungen des Bollerwagens taten ihr übriges – nach nur wenigen Minuten nickte Leo ein. Merlin flüsterte ihr noch zu: „Ruh Dich gut aus, kleine mutige Schildkröte!“, und schon schlief Leo tief und fest.

Groß und dunkel hob sich der Gare de l’Est mit seinem spitzen Giebeldach und der Halbrosette vom Nachthimmel ab. Luzi drehte sich noch einmal um. Ob er seine ehemalige Heimat, die ihm schon jetzt so fern erschien, jemals wiedersehen würde?

Die Katzen jagten weiter die rue d’Alsace und dann den boulevard de Strasbourg entlang. Die Trottoire waren menschenleer und seltsam still. Kaum ein Auto fuhr durch die Straßen. Nur ab und zu sahen sie einen Fußgänger – vermutlich von einer Feier kommend – schnellen Schritts nach Hause eilen.

Kurz vor dem place de la république blieb Luzi keuchend stehen. „Ich kann nicht mehr… übernimmst Du, Edwige?“ Edwige nickte. Sie legte sich die kleine jochartige Schlinge, an der der Wagen gezogen wurde, um und zog den Wagen an. „Puhhh ist der schwer!“ stöhnte sie. Als Merlin anbot, auszusteigen und zu laufen, lehnte sie jedoch energisch ab. Merlins Pfote war noch nicht ausreichend verheilt, als dass er hätte laufen können.

Der Horizont war nun in ein sanftes Rosa getaucht. Der Sonnenaufgang kündigte sich an, während der Himmel über der Stadt immer noch tiefblau war. Es würde nun nicht mehr lange dauern, bis es hell wurde. Sie mussten sich beeilen.

Keuchend bogen sie in den boulevard de Lyon ein – es war nicht mehr weit bis zum Bahnhof! Als sie schließlich vollkommen erschöpft vor dem imposanten Uhrenturm des Gare de Lyon standen, war es halb sechs Uhr morgens. Bis zur Abfahrt des Zuges blieb noch ein wenig Zeit. Mit letzter Kraft schlichen die Freunde in die Bahnhofshalle, wo die riesige Anzeigetafel ihren Zug noch nicht aufführte.

Edwige sah sich um. Wo konnten sie sich verstecken? Da – das Bahnhofsrestaurant hatte Kisten und Kartons auf der Terrasse abgestellt; diese würden ihnen wohl für die nächste Stunde Schutz bieten. Luzi nickte, als Edwige auf die Kisten zeigte. Sie krochen zwischen die hinterste Kiste und die Außenwand des Restaurants – im sicheren Versteck merkten sie erst, wie müde und ausgelaugt sie waren. Geschlafen hatten sie ja nur wenige Stunden – und sie waren mehrere Kilometer gelaufen. Luzi hatte ein schmerzhafte Blase an der Pfote, Edwige hatte sich das Hinterbeinchen etwas verrenkt. Leise jammernd legten sich die beiden Katzen auf den harten Bahnhofsboden. Hoffentlich waren sie bald bei Zsazsa!

Nun erwachte Leo. Der kurze Schlaf hatte ihr gut getan. Sie erfasste die Situation mit einem Blick und versicherte Edwige und Luzi, dass sie die Abfahrtanzeige im Auge behalten würde und sofort Bescheid sagen würde, wenn ihr Zug – er sollte um 6 Uhr 28 abfahren – ausgerufen würde. Vorher war es nicht möglich, das Gleis zu erfahren, auf dem der Zug abfuhr. In der Zwischenzeit konnten Luzi und Edwige sich etwas ausruhen – nachdem sie zu Fuß halb Paris durchquert hatten.

Merlin nickte Leo zu. „Du siehst ausgeschlafen aus. Wir brauchen jetzt jemanden, der seine Gedanken zusammenhalten kann. Die nächste Stunde ist entscheidend für unsere Reise.“ Er schloß die Augen und verstummte.

Leo wusste, dass Merlin recht hatte. Auf dem Bahnhof war schon das übliche geschäftige Treiben angelaufen – erste Berufspendler trafen ein, andere schickten sich an, in ihre Züge einzusteigen. In spätestens einer halben Stunde würde der Bahnhof von Menschen nur so wimmeln. Durch dieses Gedränge mussten sie mit ihrem Wägelchen bis zum Gleis gelangen. Dies war kein leichtes Unterfangen.

Da – die Anzeigetafel war aktualisiert worden und zeigte nun den TGV nach Mailand – Milano Porta Garibaldi – an. Der Zug sollte auf Gleis 3 abfahren – das war nicht einmal weit von ihrem Versteck. Leo weckte Edwige und Luzi. Merlin schlug vor, sofort auf das Gleis zu laufen und dort vor allen anderen Reisenden in den Zug einzusteigen. So könnten sie ungesehen ein gutes Versteck aussuchen. Da der Zug hier in Paris bereitgestellt würde, würde er noch ganz leer sein.

Edwige und Luzi nickten. Schon war Edwige wieder in das Wagengeschirr geschlüpft, und sie verließen vorsichtig ihr Versteck. Menschen über Menschen liefen durch den Bahnhof – wohin sie nur sahen: Menschen. Da gab es nur eins: Hinein ins Gewühle und sich ja nicht umsehen!

Edwige lief los, Luzi schräg hinter ihr. Die 200 Meter bis zum Gleis 3 schafften sie fast unbehelligt, bis ein junges Mädchen mit einem riesigen Rucksack sie bemerkte und rief: „Da reisen ja drei Katzen!“

Ihr Begleiter, ein junger Mann, der ebenfalls einen Rucksack geschultert hatte, sah den Katzen nach und meinte „Die gehören sicher zu einem fahrenden Zirkus. Sind ja süß, wie sie da ihren Wagen ziehen…!“ Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich glaube, die reisen allein … ich habe nirgends einen Zirkus gesehen.“ Der junge Mann lachte. „Allein reisende Katzen, nein! Du träumst doch schon wieder, Abby.“ Das Mädchen sah den Katzen hinterher. „Jedenfalls laufen sie auf das Gleis, auf dem nachher unser Zug fährt. Wir werden ja sehen, ob da ein Zirkus mitreist!“

Edwige zog das Wägelchen mit letzter Kraft auf das Gleis, auf dem der TGV, der sie nach Mailand bringen sollte, gerade eingefahren war. Die Türen öffneten sich mit dem bekannten Zischen, dann schlossen sie sich wieder. Nur eine Tür, die von Wagen 2 – gleich am Anfang des Gleises – blieb offen.

Vorsichtig schlichen die Freunde auf diese Tür zu. Hoffentlich war in dem Wagen kein Schaffner! Dies schien indessen nicht der Fall zu sein. Ein letzter Blick auf die Anzeige an dem Waggon – „Milano Porta Garibaldi“ stand hier – dann waren die vier mit einem Satz im Waggon. Das Bollerwägelchen zerrte Edwige einfach hinter sich her, zum Glück ließ es sich mit seinen großen Rädern über die Treppenstufen befördern.

Wo konnte man sich nur verstecken? Merlin schien sich auszukennen. Er wies auf ein Abteil hin, das gleich hinter der Eingangstür lag und mit breiten, gegenüberliegenden Sitzen gut geschützte Verstecke bot. „Hier sollten wir bleiben“, meinte der Tigerkater. Weiter hinten, das weiss ich, kommen nur Großraumwagen. Die sind durchsichtig – man sieht jeden Winkel. Hier in dem kleinen Abteil sind wir gut geschützt.“

Edwige wartete nicht lange und glitt unter die Sitzbank. Luzi folgte ihr, ebenso Merlin und Leo.

Sie atmeten auf. Mit etwas Glück würden sie in diesem Versteck bis nach Mailand kommen. Wie es dort weitergehen würde – darüber mochten sie sich noch keine Gedanken machen.

Als Leo gerade wieder einnicken wollte, schreckten sie Schritte und Stimmen auf. Eine ganze Gruppe von Menschen näherte sich – polternd und rufend. Die Katzen und Leo drückten sich ganz tief in die hinterste Ecke des Verstecks. Hoffentlich entdeckte sie niemand!

Die lärmende Reisegruppe zog an dem Abteil vorbei. Offenbar war ihnen der Großraumwagen lieber als das kleine Séparé. Die Freunde atmeten auf.

Dann traten zwei Menschenbeine vor ihr Versteck. Jemand war in das Abteil gekommen! Ein Rascheln erklang, wie Reiben von Stoff, dann rutschte ein riesiger Gegenstand vor den Sitz, unter dem sie lagen. Eine junge Stimme rief „Abby, guck hier – das Abteil ist noch ganz leer!“ Ein Mädchen antwortete: „Wunderbar! Vielleicht können wir hier sogar ein bisschen schlafen?“ Sie betrat das Abteil ebenfalls und ließ ihren Rucksack auf einen der Sitze fallen. Leo sah mit Schrecken, wie sich der Sitz über ihnen tief einbeulte!

Die Freunde sahen sich an. Die Stimmen kamen ihnen bekannt vor. Es waren das junge Mädchen und der junge Mann, die sie vorhin auf dem Bahnhof beobachtet hatten.

Ein Ruck ging durch den Zug, dann ertönte ein leises Quietschen. Langsam fuhr der Zug an.

Ihre Reise nach Italien hatte begonnen.

zur Fortsetzung

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