12. Kapitel – Veränderungen

Was vorher geschehen ist, findet Ihr hier.

I.

Ratlos blickte Edwige von den vor ihr ausgebreiteten Karten auf.

„Ich verstehe das nicht,“ seufzte sie. „Seit letzter Woche ziehe ich immer wieder diese eine Karte…“ Kopfschüttelnd fügte sie hinzu: „Das ist kein gutes Zeichen. Gar kein gutes Zeichen…“

Dann stand sie auf, ging zu dem bis fast auf den Fußboden reichenden Fenster mit dem kleinen französischen Balkon und blickte auf die Straße hinunter. „Zsazsa ist immer noch nicht zurück. Wo bleibt sie nur!“

Luzi räkelte sich auf dem Sofa. Er liebte den flauschigen roten Bezug, in den man seine Krallen tief hineinschlagen konnte und der sich so angenehm anschmiegte, wenn man sich müde auf das Sofa sinken ließ. „Sie kommt bestimt bald! Vielleicht hat sie mit ihren Kommilitonen noch irgendwo etwas getrunken?“

Dann fragte er neugierig: „Was ist mit dieser Karte in Deinem Kartenspiel? Bringt sie etwa Unglück? Warum legst Du diese Patiencen – wenn die doch Pech bringen?“

Edwige schüttelte den Kopf. „Das wäre gar nicht Zsazsas Art, nach der Vorlesung noch auszugehen. Sie kommt immer gleich nach Hause, und geht dann manchmal später noch weg. Aber nach der Vorlesung will sie als erstes zu mir.“ Davon war Edwige überzeugt.

Sie fügte hinzu: „Ich lege keine Patiencen. Ich befrage das Tarot. Das ist etwas ganz anderes. Das Tarot sagt die Zukunft voraus.“

Luzi sah Edwige mit großen Augen an. „Aber wie kann dieses Tarot die Zukunft sehen? Das sind doch nur Spielkarten mit Bildchen darauf … die wissen doch über die Zukunft nichts.“

„Das Tarot weiss alles“, sagte Edwige kategorisch. „Ich habe es mehr als einmal erlebt. Und ich sage Dir, wenn ich seit Tagen dieselbe Karte ziehe, dann hat es etwas zu bedeuten.“

Gerade wollte Luzi fragen, was das denn für eine Karte sei, da ertönte ein Husten aus der Zimmerecke. Merlin, der immer noch in seinem Käfig lag, da sein gebrochenes Beinchen noch nicht ganz verheilt war, war gerade aufgewacht und hatte den letzten Satz von Edwige gehört.

Etwas heiser sagte er: „Nein, die Karten lügen nicht. Das kann ich bestätigen.“ Er versuchte, sich aufzurichten, fiel aber wieder in sein Kissen zurück. Keuchend bat er Luzi darum, ihm den Wassernapf etwas näher zu schieben. „Ich bin so durstig bei der Hitze. Früher habe ich nur selten etwas getrunken!“

Edwige und Luzi wechselten einen bedeutungsvollen Blick. Dass Merlin so oft Durst hatte, war ein sehr schlechtes Zeichen. Leider hatten sich seine Nieren noch nicht wieder erholt. Zsazsa hatte schon angekündigt, dass Merlin möglicherweise zurück in die Tierklinik müsse, um dort Infusionen zu bekommen. Alle hofften inständig, dass das nicht notwenig sein würde.

Merlin trank ein paar Schlucke aus dem Glasschälchen. Dann leckte er sich das Mäulchen und entschuldigte sich, Edwiges und Luzis Gespräch unterbrochen zu haben. Er sei nun aber auch neugierig geworden, um welche Karte es sich denn handelte, die Edwige solche Sorgen bereite?

Edwige druckste etwas herum. So recht wollte sie erst nicht mit der Sprache heraus. Dann entschloss sie sich, den anderen die Wahrheit zu sagen.

„Ich ziehe immer wieder die Karte der Sechs Schwerter,“ verriet sie. „Das ist eigentlich keine Karte, die Unglück ankündigt. Sie bedeutet Veränderung, Wandel, Umbruch. Alles, was ich geradezu hasse! Insofern kann nichts Gutes auf uns zukommen.“ Edwige seufzte.

Luzi hatte weniger Bedenken. „Ich glaube, die Karte sagt uns einfach, dass wir einen neuen Freund haben- nämlich Merlin! Außerdem wird Leo uns bald besuchen kommen; auch das ist ja eine Veränderung. Ich bin sicher, die Karte sagt – wenn überhaupt – nur das.“

Kartenlegerei hielt Luzi für Hokuspokus, seit ihm eine Wahrsagerin vor Jahren einen großen Fang prophezeit hatte, er dann tagelang aber nur leere Konservendosen erbeutet hatte. Das sagte er aber lieber nicht, fürchtete er doch die heftige Reaktion seiner Tante Edwige.

Noch bevor Edwige widersprechen konnte, klappte unten die schwere Haustür. Zsazsa kam die Treppe herauf: Edwige konnte ihren Schritt von allen anderen Nachbarn unterscheiden. Der Schlüssel wurde ins Schloß gesteckt, umgedreht – und Zsazsa betrat die Wohnung.

Vorwurfsvoll sah Edwige ihren Menschen an. Wie hatte Zsazsa sie nur so warten lassen können?

„Ja, ich weiss – ich bin viel zu spät da. Gleich bekommt Ihr Futter!“ Zsazsa eilte als erstes in die Küche, wo sie indessen auf der Türschwelle stehenblieb und zusammenzuckte, als sie sah, dass die Katzen sich bereits selbst bedient hatten – ohne hernach abzuräumen. „Edwige, wie oft habe ich Dir gesagt, Du sollst nicht an die Dosen gehen! Eines Tages verletzt Du Dich daran. Und sieh Dir nur die Schweinerei an, die Du wieder mal produziert hast!“

Genüßlich leckte sich Edwige die Pfote. Das geschah Zsazsa nur Recht.

Edwige hatte es sich irgendwie abgeguckt, wie man Katzenfutterdosen aufmacht und geschickt ausleert, ohne sich zu schneiden. So konnte sie sich im Notfall selbst versorgen. Wie man die damit verbundene Schweinigelei beseitigte, hatte Edwige hingegen nie lernen können – dies war Zsazsas Aufgabe.

Zsazsa seufzte leise und holte Aufwischlappen und Schrubber aus der Ecke.

Nachdem sie das Gröbste entfernt hatte, kochte sie sich einen Tee und setzte sich damit ins Wohnzimmer zu den Katzen. Merlin, der in seinem Käfig immer noch etwas Angst vor dem fremden Menschen hatte, versteckte sich sicherheitshalber unter seinem Kissen. Darunter lugte er jedoch mit seinen scharfen Augen hervor – so entging ihm keine Bewegung von Zsazsa.

„Liebe Katzen, es wird in Zukunft etwas Abwechslung auf uns alle zukommen“, sprach Zsazsa ernst.

„Hab ichs doch gesagt!“ fauchte Edwige. „Die Karten lügen nicht!“

„Ich habe für die nächsten beiden Semester ein Stipendium zum Studium an der Universität Siena bekommen. Das liegt in Italien.“

Die Katzen sahen Zsazsa stumm und mit weit aufgerissenen Augen an. Sie schienen zu rufen: „Und was wird aus uns?!“

Edwige brach das Schweigen. Sie drückte das aus, was alle dachten, als sie laut aufschrie: „Ich gehe nicht ins Tierheim!“

Beschwichtigend sagte Zsazsa mit ihrer sanften Stimme: „Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen. Während ich in Italien bin, wird Madame Brunet auf Euch aufpassen und Euch füttern. Ihr könnt leider nicht in unserer Wohnung bleiben, weil der Vermieter das nicht erlaubt. Ich wollte die Wohnung an eine katzenliebende Kommilitonin untervermieten, aber das will der Vermieter nicht. Stattdessen soll in dem Jahr, in dem ich in Italien bin, sein Neffe hier einziehen. Der mag aber keine Katzen.“

Zsazsa goß sich etwas Tee ein und nahm einen Schluck. „Ich war gerade beim Vermieter nebenan und habe mit ihm darüber gesprochen. Deshalb kam ich auch so spät nach Hause. Der Neffe des Vermieters ist mehrmals durch seine Abschlußprüfungen gerasselt und muss sie wiederholen. Sein Onkel will da jetzt ein Auge drauf haben, sagte er. Entweder schafft sein Neffe das repêchage, die Nachholprüfung im September – oder er muss das ganze Jahr wiederholen. Wenn er im September durchkommt, muss er im neuen Studienjahr auch büffeln. Und sein Onkel will das überwachen.“

Etwas verächtlich fügt sie hinzu: „Was soll das schon nützen? Drei Mal durch die Licence gefallen, dabei muss man da nur auswendig lernen … pffff. Aber keine Katzen mögen!“

Edwige hatte sich inzwischen ganz eng an Zsazsa angeschmiegt, so als wolle sie sagen „Ich will nicht, dass Du weggehst!“ – Zsazsa streichelte die Tigerkatze und sagte: „Madame Brunet sorgt für Euch, und bald bin ich wieder da! Dann wird alles wie früher.“

Sie wandte sich an Merlin: „Und Du, kleiner roter Tiger ohne Namen – Du wirst bis dahin sicher aus dem Käfig raus sein. Madame Brunet weiss Bescheid über Deine Verletzung und kann Dich, wenn es nötig ist, zum Tierarzt bringen. Mach Dir keine Sorgen.“

Zsazsa stand auf und begann, das Abendessen vorzubereiten. „Ihr werdet sehen, das Jahr vergeht so schnell, dass Ihr es gar nicht vorbeigehen sehen werdet. Vielleicht wollt Ihr dann ja sogar bei Madame Brunet bleiben!“ Sie lachte.

In den kommenden Tagen waren unsere Freunde recht gedrückt. Ganz ohne Zsazsa – das wollten sie sich gar nicht vorstellen. Merlin meinte schließlich, es sei doch für Zsazsa sicher großartig, im Ausland, noch dazu an einer ältesten Universitäten Europas, studieren zu können. Man solle sich für sie freuen und nicht traurig sein. Solange sie alle hier im Haus bleiben könnten und versorgt seien, sei doch alles gut. Zsazsa würde sie bestimmt nicht im Stich lassen!

II.

Es war Juli geworden. Zsazsa hatte alles für ihre Abwesenheit vorbereitet. Sie hatte ihre Möbel in das hintere Zimmer geräumt, damit der Neffe des Vermieters mit seinen Sachen einziehen konnte. Die Katzensachen hatte sie zu Madame Brunet ins Erdgeschoß gebracht, die sich über den Zuzug der drei Vierbeiner sehr gefreut hatte.

Dann war der Morgen gekommen, an dem sich die drei Freunde von ihrer Zsazsa verabschieden mussten. Edwige hatte sich versteckt – Zsazsa hatte sie suchen müssen, um ihr ein letztes Mal über das Köpfchen streicheln zu können. Luzi hatte zum Abschied freundlich gemaunzt, und Merlin hatte es geschafft, aufzustehen und Zsazsa um die Beine zu streichen.

Schließlich hatte Zsazsa ihren riesigen Überseekoffer die Treppe hinuntergetragen, war in das wartende Taxi gestiegen und weggefahren.

Madame Brunet hatte dem Taxi lange hinterhergewinkt. Dann hatte sie die Katzen gerufen und hatte allen dreien ein besonders leckeres Essen serviert. Sogar Edwige hatte begonnen, sich ein wenig zu entspannen. Zsazsa hatte wirklich alles meisterhaft geplant und organisiert.

Was Zsazsa nicht hatte vorhersehen können, war, dass Madame Brunet ein paar Tage nach Zsazsas Abfahrt unglücklicherweise einen schweren Herzanfall erlitt und mit Blaulicht ins Krankenhaus auf die Intensivstation gebracht wurde. Ihr Zustand war so schlecht, dass man entschied, sie nach der Krankenhausbehandlung und Rehabilitation in ein Seniorenheim einziehen zu lassen und ihre Wohnung aufzulösen.

Als ihr Sohn einige Tage nach dem schrecklichen Ereignis in die Wohnung seiner Mutter kam und die drei hungrigen, verängstigten Katzen dort vorfand, öffnete er kurzerhand die Haustür und warf die drei hinaus.

„Hier könnt Ihr nicht länger bleiben! Seht zu, dass Ihr klarkommt. Irgendwo werdet Ihr schon was finden. Fort mit Euch!“

Nun saßen die drei Freunde auf der Straße, ohne jede Möglichkeit, Zsazsa zu erreichen. Leo sollte heute Abend um halb 10 aus Dresden ankommen – auch sie hatten die drei nicht erreichen können, um ihr zu sagen, lieber zu Hause in Dresden zu bleiben…

Entsetzt und voller Angst sahen die drei Katzen sich an. Was war zu tun?

III.

Die erste, die sich fasste, war Edwige. „Wir müssen jetzt zwei Dinge tun. Erstens: wir fahren zum Gare de l’Est und holen Leo ab. Zweitens: wir suchen Zsazsa. Irgendwie muss man ja da hinkommen, in dieses Italien! Es wird nicht am Ende der Welt liegen.“

Grimmig fügte sie hinzu: „Sechs Schwerter –  da bleibt nichts, wie es war.“

Luzi sah Edwige zweifelnd an. „Natürlich holen wir Leo ab. Wir können sie ja nicht am Gare de l’Est sitzen lassen. Aber wie willst Du nach Italien zu Zsazsa kommen, Edwige? Das ist sehr weit weg. Ich weiss nicht mal, wie man da gehen muss!“

Merlin schüttelte den Kopf. „Ihr Lieben, ich fürchte, ich kann nicht mitkommen auf Eure Reise. Mein Beinchen und vor allem die Pfote tun mir immer noch sehr weh. Ich kann nur ganz kurze Strecken laufen. Lasst mich einfach am Gare de l’Est in meiner Metrostation zurück. Dort bin ich jahrelang zurechtgekommen. Es wird auch jetzt möglich sein.“

Empört sahen Luzi und Edwige den alten Kater an. „Das kommt nicht in Frage, Merlin!“ rief Luzi. Und Edwige fügte hinzu „Entweder wir gehen alle auf die Reise, oder keiner. Und wie willst Du denn in dieser schmutzigen, staubigen Metrostation weiterleben, mit Deinem verletzten Beinchen? Wie willst Du jagen? Zsazsa hat gesagt, man habe beim Tierarzt stundenlang gebraucht, um den Feinstaub und das Öl aus Deinem Pelz zu waschen. Kein Tier sollte so leben müssen!“

Merlin senkte den Kopf. Es stimmte, was Edwige sagte. Er konnte nicht in die Metro zurück, das wusste er selbst. „Aber wie soll ich denn mit Euch mitlaufen?“ schluchzte er. „Ich kann mich ja kaum länger als 10 Minuten auf den Beinen halten.“

„Da hätte ich eine Idee!“ rief Edwige. „Es ist keine gute Idee, aber es ist immerhin eine Möglichkeit…“ Und zu sich selbst gewandt: „Könnte klappen, könnte klappen. Wir müssen nur in den Keller kommen … zu Zsazsas Abteil.“

Der widerwärtige Sohn von Madame Brunet hatte indessen die große Doppeltür zum Haus geöffnet, um aus der Wohnung Dinge in sein Auto einzuladen. Er bereitete die Wohnungsauflösung vor.

Grimmig sagte Edwige: „Der ist ja ganz schnell bei der Sache, wenn es ums Ausräumen geht! Aber besucht hat der Kerl die alte Dame in all den Jahren nie. Das weiss ich. Ich kenne jeden, der hier ein und ausgeht. Dieser Mensch gehört nicht dazu!“ Das Wort klang in Edwiges Mund wie eine Beleidigung – und war wohl auch so gemeint.

Sie sprang in den Hauseingang, der nicht mehr ihr Hauseingang war, und lief hinunter in den Keller, zu dem man ohne weitere Hindernisse Zugang hatte. Die beiden anderen Katzen folgten ihr, Merlin etwas mühsamer als Luzi.

Das Kellerabteil ließ sich glücklicherweise ohne Probleme öffnen – Zsazsa hatte kein Schloss angebracht. Sie hatte ohnehin nur recht wertlosen Krempel dort hineingestellt – niemand hatte je etwas davon stehlen wollen.

Edwige schlich bis zum hintersten Winkel des dunklen Abteils, warf diverse Kartons um und riss sie auf, während Luzi und Merlin skeptisch im Kellergang saßen. Was konnte sie dort nur suchen?

Ein triumphierender Schrei zeigte an, dass Edwige fündig geworden war. Sie verließ das Kellerabteil, ein undefinierbares Gerät hinter sich herschleifend. Letzteres stellte sich bei näherem Besehen als Bollerwagenminiatur heraus, die über eine Art Geschirr für einen kleinen Hund verfügte – oder auch für … eine Katze!

„Nein“, sagte Luzi empört. „Das geht nicht. Vor so etwas lasse ich mich nicht spannen!“

„Oh doch“, sagte Edwige. „Wir werden uns abwechseln. Merlin kann in dem Wägelchen liegen, wenn ihm die Pfote zu weh tut. Und wir ziehen ihn.“

Edwige erzählte nicht, da sie deshalb immer noch vor Scham in den Boden hätte versinken mögen, wie Kinder eines Besuchs von Zsazsa sie einmal vor dieses Gefährt gespannt hatten, um ihren Teddybären darin herumkutschieren zu lassen. Sie hatte damals gute Miene zum bösen Spiel gemacht, hatte sich aber hernach für die demütigende Erfahrung wochenlang bei Zsazsa durch unbotmäßig Aktionen revanchiert.

Nun wurde das Gerät möglicherweise zum Lebensretter für Merlin.

Edwige wühlte in einer hinter dem Kellerregal stehenden Kiste und förderte etliche Katzenfutterdosen und eine Tüte Trockenfutter zu Tage. „Das ist … nein, das war unsere eiserne Reserve“, sagte sie. „Ich denke, heute ist der Tag, an dem wir sie auflösen sollten.“

Edwige packte die Dosen und die Tüte in das Bollerwägelchen und zurrte sie mit einem Gurt fest. Dann nahm sie aus dem Regal ein kleines Kissen, welches sie ebenfalls in den Wagen legte. „Für Dich, Merlin“, sagte sie. „Es wird etwas nach Keller riechen, aber das gibt sich.“

Merlin nickte Edwige dankbar zu. Er war gerührt, wie sehr sich diese ihm doch eigentlich ganz unbekannte Katze um sein Wohl sorgte.

Er druckste etwas herum, rückte dann aber doch mit der Sprache heraus. „Glaubt Ihr nicht, dass wir – drei Katzen mit einem Minifuhrwerk – draußen sehr auffallen werden? Dann noch in der Metro? Das wird doch Aufsehen erregen … ich schleiche lieber heimlich durch die Straßen und werde am liebsten gar nicht gesehen … Liebe Edwige, bitte fasse es keinesfalls als Kritik an deinem Plan auf… ich bin so dankbar, dass Ihr mich nicht einfach hier sitzen lasst!“ fügte der Tigerkater hinzu.

„Natürlich hast Du recht, Merlin“ sagte Edwige. „Deshalb brauchen wir noch eine Tarnung – und die bekommen wir jetzt.“ Mit Geschepper warf sie zwei Dosen aus einem der oberen Regalfächer, auf das sie unterdessen geklettert war. Einen Pinsel im Maul sprang sie von dem Regal herunter.

Dann öffnete sie mit ihrer Katzenfuttermethode die erste Dose, rührte mit dem Pinsel darin herum und malte in hellem, leuchtenden Rot etwas, das zunächst nicht zu entziffern war, auf den Bollerwagen. Als sie fertig war, malte sie mehrere Punkte auf den Wagen, diesmal mit der Farbe aus der anderen Dose – Gelb.

Merlin stellte sich vor den Wagen und las laut vor: „Zirkus grüßt!“ stand da in großen, freundlichen Lettern. „Ich habe jahrelang in einer Schule gelebt“, erklärte Merlin traurig. „Die wurde aber vor langer Zeit abgerissen und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Dann war kein Platz mehr für mich. Aber lesen und schreiben habe ich ganz gut gelernt, obwohl ich es später nie wieder gebraucht habe.“

„Nun müssen wir hier raus“, drängte Edwige. „Die Zirkusaufschrift ist unsere Tarnung. Wenn Menschen uns sehen – und das werden sie – müssen sie denken, dass wir eine offizielle Werbeaktion für den Zirkus sind. Sobald Menschen glauben, etwas sei offiziell oder amtlich und es gäbe einen logischen Grund dafür, beachten sie es nicht weiter. Man kann bei hellichtem Tag einbrechen und ganze Häuser ausräumen, wenn man nur ein Schild aufstellt ‚Achtung – Umzug!‘ oder ‚Dreharbeiten – bitte nicht stören!‘. Niemand wird auch nur auf die Idee kommen, die Polizei zu rufen. Und das machen wir uns jetzt zunutze.“

Edwige schlüpfte durch die kleine Schlinge, an der der Wagen gezogen wurde und hievte das Fuhrwerk die Kellertreppe hinauf.

Kurz danach standen die drei Freunde mit ihrem „Zirkus grüsst“-Gespann auf der Straße, Merlin auf seinem Kissen im Wägelchen zusammengerollt. Luzi hatte sein kleines grünes Militärbeutelchen geschultert, seinen Marcel Proust darin. Edwige hatte es geschafft, ein zwar veraltetes, aber wohl noch funktionstüchtiges kleines Sprechgerät – Menschen nannten es Handy – mitgehen zu lassen, welches Zsazsa nicht mehr benutzte. Vielleicht konnte ihnen dieses Gerät von Nutzen sein.

Dann liefen sie los, fest entschlossen, Zsazsa wiederzufinden.

Dass Zsazsa, nachdem sie Madame Brunet nicht mehr hatte erreichen können, voller Angst mit dem Nachtzug nach Paris zurückkehren und nur zwei Tage nach der Abreise der Katzen verzweifelt das ganze Viertel um die rue de Gergovie nach ihren Lieblingen absuchen würde, wussten die Freunde nicht.

zur Fortsetzung

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