11. Kapitel – Sechs Schwerter

I.

Mehrere Monate waren vergangen, seit Edwige, Leo und Luzi die beiden Übeltäter, die es auf das Erbe von Madame Martin abgesehen hatten, überführt und hinter Gitter gebracht hatten.

Leo hatte sich an das unbeschwerte Pariser Leben gewöhnt: die Spaziergänge an der Seine, der petit noir im Café an der Ecke, abends die Chansons von Brassens und Edith Piaf auf Zsazsas Grammophon bei einem Gläschen Rotwein, die angeregten Unterhaltungen mit den Freunden…

Wenn nicht ihre Familie in Deutschland und vor allem Jakob gewesen wäre, wäre Leo wohl gern für immer in Paris geblieben. Aber das Heimweh nach der Familie war eines Tages zu groß geworden, und Leo hatte ihren Freunden schweren Herzens eröffnet, dass sie Paris verlassen und nach Dresden zurückzukehren werde. Die Entscheidung war ihr nicht leicht gefallen, konnte sie sich doch die Trennung von ihren Freunden Luzi und Edwige kaum vorstellen. Und so hatte Leo den beiden fest versprochen, in den Sommerferien Dresden heimlich zu verlassen und mit dem Zug, dessen Fahrplan sie nun auswendig kannte, nach Paris zu kommen. Schließlich hatte sie keine Lust, den Sommer ganz allein in Dresden zu verbringen, während ihre Familie sich wie jedes Jahr an der Ostsee vergnügte!

Schließlich war der unabwendbare Moment gekommen – und Leo war eines Morgens mit Luzi in der Pariser Metro zum Gare de l’Est gefahren und dort in den Zug nach Strasbourg gestiegen, von wo aus sie nach einem Zwischenstopp bei Anatol und Elie weiter Richtung Dresden fahren wollte.

Leo hatte dem auf dem quai sitzenden Luzi lange aus dem Fenster zugewinkt, bis der Kater nur noch ein kleinen schwarzes Fleckchen war. Dann hatte der Zug eine letzte Kurve genommen und der Bahnhof war aus dem Blickfeld verschwunden. Mit Tränen in den Augen hatte Leo sich hinter einem Sitz versteckt, sich in ihre leichte grüne Reisedecke gekuschelt und zu sich selbst gesagt „Bald komme ich wieder!“

Luzi saß auf dem verlassenen Gleis und rieb sich wütend eine Träne von der Wange. Er hatte die kleine Schildkröte sehr liebgewonnen – ohne sie würde sein Leben einsamer sein, dachte er. Aber da fiel ihm ein, dass er nun bei Edwige und Zsazsa lebte – und dass Leo ja schon bald, nämlich in wenigen Wochen, ihre Ferien bei ihnen verbringen würde. Es war Anfang Mai – und die Sommerferien begannen im Juli!

Er schüttelte sich, wie um die Traurigkeit, die sich um ihn gelegt hatte, zu verscheuchen, und lief geschmeidigen Schritts auf die Metrostation zu. Er wollte möglichst noch vor dem großen Ansturm, dem rush, wieder in der rue de Gergovie zurück sein.

Als er die Treppe heruntersprang und im Metrogang, der ihn zum Gleis führen sollte, verschwinden wollte, fiel ihm etwas ein. Merlin! Wie hatte er den alten Kater vergessen können, der ihm damals bei der Suche nach Leo so beigestanden hatte … er hatte ihm versprochen, sich erkenntlich zu zeigen für die Hilfe und die lieben Worte, die ihn damals so aufgerichtet hatten.

Wo war ihm Merlin begegnet? Richtig, im Metroschacht der Linie 4 in Richtung Montrouge … ob der alte Kater dort noch war? Lebte er überhaupt noch ? Luzi erinnerte sich an die magere Gestalt und das struppige Fell… er hätte sich ohrfeigen mögen, dass er erst jetzt wieder an den Kater dachte. Längst hätte er sich nach ihm erkundigen, ihn besuchen sollen… Ohne weitere Überlegung rannte Luzi los, sprang über die Absperrung mit ihrem Drehkreuz und lief, ohne auf seine Deckung zu achten durch die Gänge, in denen zu dieser frühen Stunde kaum Menschen unterwegs waren.

Am Ende der Metrostation gähnte die bouche de métro ihn schwarz und unheimlich an. Ohne zu zögern sprang der Kater in den Metrotunnel hinein und war nach wenigen Sätzen im Dunkel verwunden. Er erinnerte sich, dass links eine Art „toter Arm“ abging, ein kleiner unterirdischer Gang, der vermutlich den Bauarbeitern früher als Unterstand und Ablageort für Werkzeug und Material gedient haben musste. Hier hatte er Merlin damals getroffen. Er bog in den Gang ein und blieb stehen. Aus der Ferne hörte er ein Grummeln, das schnell lauter wurde. Ein Metrozug näherte sich! Dieser konnte ihm zwar nicht gefährlich werden, da er von den Gleisen weit genug entfernt war, dennoch ergriff ihn jedesmal, wenn die Metro mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm herannahte, eine unbezwingliche Angst. Er warf sich auf den Boden, versuchte, hinter einem Geröllhaufen etwas Schutz zu finden und krümmte sich, so weit es nur ging, zu einem winzigen Fellball zusammen.

Als die Metro in die Station eingefahren und mit kreischenden Bremsen zum Stehen gekommen war, atmete Luzi auf.

Weiter! Der nächste Zug kam bald, und er wollte Merlin finden … unentschlossen rief er „Merlin…“ und dann mit lauterer Stimme „Merlin!“

Luzi drang weiter und weiter in den Gang vor, in den kaum noch Licht aus der Station drang. „Merlin!“ schrie er nun aus voller Kehle. „Bist Du hier? Merlin!“

Keine Antwort.

Er setzte sich. Es war durchaus möglich, dass Merlin gerade draußen nach etwas Essbarem suchte… Oder dass er eine angenehmere Unterkunft als diesen grausigen Metroschlund gefunden hatte?

Ein Knacken aus dem Dunkel ließ Luzi erschauern. Es musste einer der Schottersteine gewesen sein, über die Luzi gelaufen war … oder war dort jemand? „Merlin …“ rief er noch einmal, nicht zu laut …

Merlin war ganz sicher nicht hier.

Eben schickte Luzi sich an, in die Station zurückzulaufen – mit dem festen Vorhaben, bestimmt bald wiederzukommen und weiterzusuchen – da schien es ihm, als höre er ein leises Stöhnen … kam es aus dem Gang? Oder war es das Grollen des nächsten Metrozuges, der sich eben in der Ferne ankündigte? Das Dröhnen kam näher, wurde stärker, dann unerträglich – aber diesmal versteckte sich Luzi nicht. Er war entschlossen, herauszufinden, woher das Stöhnen kam.

Als die Metro die Station verlassen hatte und Ruhe eingekehrt war, rief er erneut. Da! Wieder vernahm er das Stöhnen, diesmal etwas lauter. Ohne auf die spitzen Schottersteine zu achten, die sich in seine Pfoten bohrten, lief er tiefer in den Gang hinein. Nach ein paar Schritten blieb er stehen und sog die stickige Luft des Metroschachts durch die Nase ein. Ganz klar: in der Nähe lag eine Katze. Und sie lag schon länger da.

„Merlin!“ rief er wieder. „Merlin, bist Du es?“

Ein Röcheln ertönte. Und nun sah Luzi die im fahlen Licht des letzten Schimmers der Metrostation sich abhebenden Umrisse einer eingefallenen, winzigen Gestalt, die kaum noch atmend in einer Mulde im Schotter lag – vollständig von Staub bedeckt.

Es war Merlin – der Tigerkater, den Luzi vor ein paar Monaten bei seiner Flucht aus dem Gare de l’Est kennengelernt hatte.

II.

Luzi lief auf die leblose Gestalt zu. Erschrocken sah er, dass Merlin unter der Staubschicht kaum noch zu erkennen war. Ausgemergelt, sicher seit Tagen ohne Futter und Wasser bot Merlin ein Bild des Schreckens! Luzi berührte den Kater sanft am Kopf. „Merlin, ich bins – Luzi! Was ist mit Dir?“

Ein kaum vernehmbares Flüstern war die Antwort. „Ich … sterbe …“ hauchte der alte Kater. Dann schloss er die Augen.

Luzi erfasste eine nie gekannte Angst. Was konnte er tun? Tief unter der Erde, in einem Metroschacht – ohne jede Möglichkeit, seine Freunde zur Hilfe zu rufen. Merlin musste aus diesem Gang heraus, er brauchte sofort medizinische Versorgung, ein Bett … und sicher etwas zu fressen. Wie lange mochte er dort schon so liegen?

Wenn doch nur Leo da wäre! Sie hätte bestimmt eine Idee … aber Leo saß nun im Zug nach Dresden und würde erst in drei Monaten nach Paris zurückkehren.

Luzi musste allein zurechtkommen.

Er maß unwillkürlich den alten Kater, der nur noch aus Haut und Knochen bestand. Reflexartig packte er das Tier im Nacken und hob es hoch. Er hatte das Gefühl, einen dünnen Sack Federn zu tragen. Merlin wog nicht mehr als ein Kätzchen.

Alle Bedenken beiseite schiebend rannte Luzi, so schnell er nur konnte, durch den Schacht an den Gleisen entlang zur Metrostation zurück. Dort schlich er hinter einen großen Mülleimer, der ihn und Merlin vor neugierigen Blicken der Reisenden schützte.

Als die nächste Metro ratternd und kreischend in die Station fuhr und sich die Türen öffneten, sprang er todesmutig in den letzten Waggon, wo er sofort unter den in Vierergrüppchen angeordneten Sitzen verschwand. Das Türsignal, ein ohrenbetäubendes Sirenengeheul, ertönte. Die Türen schnappten zu – die Metro fuhr los.

Wie spät mochte es sein? Leos Zug nach Strasbourg war um 6 Uhr 37 abgefahren – seitdem mochte etwa eine Stunde vergangen sein. Die schlimmste Stoßzeit war fast erreicht – dicht gedrängt standen und saßen Menschen um Luzi herum. Unter dem Sitz bemerkte ihn niemand.

Voller Angst stupste Luzi seinen todkranken Freund an. „Merlin!“ füsterte er. „Ich bringe Dich in Sicherheit! Halte durch – bitte!“ Ein leises Röcheln war die Antwort. Immerhin lebte Merlin noch – und solange es Leben gibt, gibt es auch Hoffnung, sagte sich Luzi. Dennoch war ihm klar, dass er hier einen Schwerstkranken vor sich hatte, für den mit jeder Sekunde, die ungenutzt verstrich, auch jede Hoffnung nach und nach schwand.

Luzi verdrängte die destruktiven Gedanken, indem er den weiteren Weg nach Hause plante. Zunächst konnten sie in dem recht zweckmäßigen Versteck unter den Sitzen bleiben – aber an der Station Montparnasse-Bienvenüe mussten sie umsteigen. Dort waren kilometerlange Gänge zu durchwandern, bis man endlich am Gleis der Linie 13 angelangt war, um die letzten beiden Stationen bis zur Haltestelle Pernety zurückzulegen. Wie sollte er diese Strecke mit dem kranken Merlin nur bewältigen?

Luzi sah sich um. Mehrere Fernreisende mit großen Koffern saßen im Abteil. Mit etwas Glück würde er solche „Koffermenschen“, wie er sie gern nannte, auch am Montparnasse vorfinden. Zwischen den riesigen Ungetümen würde er hoffentlich eine kleine Lücke finden, in der man sich tarnen konnte. Besonders schnell konnte er sowieso nicht laufen, mit dem armen Merlin.

Schon waren sie in der Station Odéon angelangt … es war nun nicht mehr weit bis Montparnasse. Unwillkürlich spannte Luzi seine Muskeln an, wie um sich auf einen olympischen Staffellauf vorzubereiten. Nur dass es niemanden gab, der für die Übernahme des Stabes bereitstand …

„Merlin, wir steigen gleich um. Ich hebe Dich dann wieder hoch. Ich hoffe, Du hast keine Schmerzen!“ bereitete Luzi den kranken Freund auf die nächste Etappe der Reise vor.

Merlin öffnete das Mäulchen, konnte aber keinen Laut von sich geben. Ein schwaches Nicken zeigte Luzi, dass Merlin ihn verstanden hatte. Eine Woge der Hoffnung durchbrandete ihn. Alles würde gut werden! Merlin würde geholfen werden, er würde – er musste! – wieder gesund werden …

Jäh riss das Bremsen der Metro Luzi in die Realität zurück. Montparnasse-Bienvenüe! So sehr er den Namen dieser Station liebte, so sehr ängstigte er sich von dem Umsteigen dort. Ein wahres Labyrinth von engen Gängen öffnete sich vor ihm, in das ein ununterbrochener Strom von Menschen brodelnd sich ergoß – und er musste mit diesem Strom mitschwimmen, immer darum besorgt, dass man ihn entdecken und vielleicht ergreifen könnte …

Die Türen der Metro öffneten sich. Luzi schnappte den halb bewusstlosen Merlin und rannte, so er nur konnte, in Richtung Ligne 13.

Die Treppe sprang er geschmeidig hinauf, durcheilte den darauf folgenden Gang – und befand sich in der riesigen unterirdischen Halle, auf denen mehrere Laufbänder die Reisenden in Windeseile über Kilometer hinweg zu ihren Zügen transportierten.

Luzi zögerte einen Moment. Einmal auf dem Band, war es schwer, daraus zu entkommen. Dennoch war es der schnellste Weg, auf das Gleis, dessen Metro sie nach Hause bringen sollte, zu kommen.

Eine Reisegruppe schickte sich an, das Lufband zu betreten. Blitzschnell und ohne weiter nachzudenken schlüpfte Luzi mitten in die Gruppe, wo er unter den sich stapelnden Reisetaschen und Koffern in Deckung ging. Sicher war dies nicht das beste Versteck – was, wenn ein Koffer sich löste und auf sie herunterfiel? Sie würden förmlich von dem Ungeheuer zermalmt werden … Luzi schüttelte sich. Er hoffte, dass er im letzten Moment einen rettenden Spalt finden würde, in dem er sich und Merlin in Sicherheit würde bringen können … Und welche Wahl hatten sie schon?

Luzi spähte vorsichtig aus dem Versteck heraus, um nicht unvorbereitet vom Ende des Laufbandes überrascht zu werden. Er bemerkte, wie die Leute von der Reisegruppe ihre Koffer wieder an sich nahmen – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie sich auf das Verlassen des Laufbandes vorbereiteten. Luzi packte Merlin wieder am Nacken und spinkste um den Koffer, der vor ihnen stand, herum –  da sah er auch schon, dass der Übergang vom Laufband zum normalen Gang ganz nah war.

Eben wollte er loslaufen, da rief ein Mann laut „Halt – da ist eine Katze!“ Luzi machte sich nicht die Mühe, aus dem Tonfall des Mannes herauszulesen, ob dies ein besorgter – um die Katze besorgter – Aufschrei war, oder ob der Mann dem Tier Böses wollte: er rannte einfach los, als ginge es um sein Leben.

Reflexartig stellte der Mann Luzi ein Bein in den Weg, um ihn aufzuhalten. Luzi war Hindernisläufe indessen gewohnt: blitzschnell sprang er – mitten im Lauf – über das Bein, besser: er wollte darüber springen. Mit dem kranken Merlin, der ihm von der Schnauze herabbaumelte, hatte Luzi nicht die selbe Sprungkraft wie sonst. Er kam daher mit den Vorderläufen an das Bein des Mannes, stürzte und ließ Merlin los. All dies geschah unmittelbar vor dem Ende des Laufbandes – ein sehr gefährlicher Übergang, kann doch das Band, wenn es in den Boden eintaucht, Zehen, einen Katzenschwanz oder gar eine Pfote mit einsaugen. Schwerste Verletzungen sind die Folge!

Ob der Mann, der Luzi aufgehalten hatte, dies bedachte, oder ob er einfach nur die beiden Katzen „loswerden“ wollte, war nicht klar auszumachen. Der Mann trat gegen den armen Merlin, der leblos vor ihm lag, und erwischte dabei auch Luzi, der sich umgedreht hatte und versuchte, Merlin dort wegzuziehen. Im hohen Bogen flogen die beiden vom Laufband – verfolgt von dem Mann, dessen feindliche Absichten nun offen zutage traten.

„Mistviecher, verschwindet!“ schrie er wütend. Eine ältere Frau mischte sich ein und schnauzte ihrerseits den Mann an. „Schämen sollten Sie sich! Ein verletztes Tier zu treten, obwohl es offensichtlich schon halbtot ist, das ist eine Schande! Sie Tierquäler!“ Drohend erhob sie ihren Regenschirm, als wolle sie den Mann damit schlagen.

Den kurzen Moment der Unaufmerksamkeit des Mannes nutzte Luzi, um den völlig wehrlosen Merlin wieder aufzuheben und mit seiner noch freien Pfote – aber dafür ist immer eine Pfote frei – dem Mann mit einer blitzschnellen Bewegung Hose und Unterschenkel zu zerfetzen. Unter dem Schmerz- und Wutgeheul des Mannes raste er weg – in Richtung Metrogleis.

Hier fuhr gerade – dem Himmel sei Dank – eine Metro ein, in die der Kater ohne weiteres hineinsprang und sich unter den bekannten Sitzen verbarg. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Sie waren um Haaresbreite dem Tod, jedenfalls aber schlimmsten Verletzungen entkommen.Luzi wand sich vor Grauen, als er daran dachte, was ihnen hätte passieren können.

Merlin atmete noch, die Augen hielt er geschlossen. Nun sah Luzi, dass Merlins linke Hinterpfote blutig verkrustet war. Das ganze Bein hing seltsam herab. Ob das durch den Tritt des Mannes eben verursacht war? Merlin fühlte eine unbändige Wut in sich hochsteigen, und das brennende Verlangen, dem Mann das Gesicht zu zerfleischen!

Als er aber sah, dass Merlins Beinchen unten schwarz war, wurde ihm klar, dass dies eine alte Verletzung war. Es war die höchste Zeit, Merlin zum Arzt zu bringen. Er konnte seinen Verletzungen nicht mehr lange Widerstand entgegensetzen. Schon, dass er überhaupt noch atmete, war ein Wunder.

Fünf Minuten später waren sie an der Station Pernety, die Treppen schoß Luzi hinauf wie ein Blitz. Rechts in die Rue Losserand, die gerade Strecke im Sprint – dann links in die Rue de Gergovie. Es waren nun nur noch wenige Meter. Schon von weitem sah er Edwige auf dem Mäuerchen vor dem Square sitzen – da: sie hatte ihn gesehen und sprang ihm entgegen.

Als sie Merlin sah, sagte sie nur „Tierklinik. Sofort!“ Sie verschwand im Treppenhaus der n° 75 und schaffte es, Zsazsa, die am Schreibtisch über ihren Büchern saß und fürs Examen lernte, nach draußen auf die Straße zu locken.

Ein Blick auf den kranken Merlin reichte. Ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren, nahm sie das Tier, welches keinen Widerstand mehr leisten konnte, auf den Arm und rannte los. Luzi und Edwige blickten ihr nach – und Luzi begann pötzlich hemmungslos zu weinen.

„Was geschieht mit ihm? Werden sie ihm helfen können?“

Edwige blieb lange stumm. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich fürchte, da kommt jede Hilfe zu spät.“

Als sie sah, welche Wirkung ihre Worte auf Luzi hatten, beeilte sie sich zu sagen „Die Tierklinik ist nur knapp zweihundert Meter entfernt. Sicher ist Zsazsa schon mit ihm angekommen, jetzt gerade. Sie werden dort alles tun, um ihm zu helfen. Jedenfalls wird er nicht mehr leiden müssen.“

Daraufhin warf Luzi sich auf den Boden und weinte so sehr, dass Edwige kaum wusste, wie sie ihn aufrichten sollte. „Luzi, Du kannst doch nichts dafür… wo hast Du den armen Kerl denn überhaupt aufgegabelt?“

„Doch!“sagte Luzi. „Es ist allein meine Schuld! Ich hätte ihn viel früher da rausholen sollen… warum nur habe ich nie wieder an ihn gedacht!“ Dann berichtete er Edwige alles.

Als er von dem widerlichen Mann in der Metro erzählte, sah Edwige grimmig auf. „Was ich mit dem gemacht hätte – ich sage es lieber nicht!“

Sie saßen immer noch vor dem Haus, voller Angst auf die Rückkehr von Zsazsa wartend. Da – Zsazsa überquerte die Straße, eilig und mit verschlossenem Gesicht.

Sie öffnete die Haustür und befahl den Katzen, sofort ins Haus zu kommen. „Nicht dass Euch auch so etwas Furchtbares widerfährt wie dem armen Kater! Die Tierärztin wollte ihn erst einschläfern, aber ich habe gefragt, ob er nicht doch eine winzige Chance hat. Vielleicht, meint sie … er bekommt jetzt Infusionen und morgen entscheiden sie, ob er operiert werden kann. Sein Hinterlauf kann vermutlich nicht gerettet werden. Ob er es schafft, ist ganz unsicher…  der arme Kerl!“ Und dann, zu sich selbst „Aber warum erzähle ich eigentlich zwei Katzen all das …Pfffff!“

Kopfschüttelnd setzte sich Zsazsa wieder an ihren Schreibtisch.

Edwige und Luzi zogen sich in ihr Zimmer zurück und legten sich aufs Bett. Es war so ruhig ohne Leo. Wo war sie nun? Sie musste längst in Strasbourg angekommen sein, und war vielleicht schon auf der Weiterreise nach Dresden.

Über Merlin traute sich keiner der beiden zu sprechen.

Um kurz vor zwölf nahm Zsazsa denTelephonhörer auf und wählte die Nummer der Tierklinik. Dass diese bisher nicht selbst angerufen hatte, war eher ein gutes Zeichen. Die Tierklinik meldete sich nur, wenn es ganz schlechte Nachrichten gab, oder wenn eine Entscheidung getroffen werden musste.

Edwige wusste, dass Zsazsa die Klinik anrief. „Kurz vor zwölf“ war immer der Zeitpunkt, zu dem man die Ärzte erreichen konnte. Außerdem vernahm sie mit ihren feinen Ohren aus dem Telephonhörer die Wartemusik, die es nur bei der Tierklinik gab. Obwohl der Flur und ein Zimmer zwischen ihr und dem Telephon lag, konnte sie die Musik hören.

Da! Die Musik war verstummt und Edwige hörte nun die Stimme der Tierärztin. Was sie sagte, konnte sie jedoch nicht verstehen. Sie sah zu Luzi, der sie beklommen fixierte. „Zsazsa spricht mit dieser Klinik, nicht? Was sagen sie?“

Aber nun hatte sich Zsazsa bereits bei der Tierärztin bedankt und den Hörer aufgelegt.

Beide Katzen sprangen auf und liefen zu ihr ins Wohnzimmer hinüber. Zsazsa merkte, dass sie wissen wollten, wie es Merlin ging.

„Eurem Freund geht es ein ganz kleines bisschen besser, denn er konnte etwas Flüssignahrung schlucken. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht, oder besser: die schlechten Nachrichten sind diese: seine Leberwerte sind außerhalb des Messbaren, weil er so lang ohne Futter war. Das kann sich wieder erholen; die nächsten Tage werden das entscheiden. Die Nieren sind schlecht dran, aber er muss irgendwo Flüssigkeit gefunden haben, denn sonst hätte er so lange nicht überleben können. Das weitaus Schlimmste ist sein Bein: es ist gebrochen und verletzt, sogar etwas nekrotisiert an einer Stelle. Wenn der Kater es schafft, werden sie vermutlich zu einer Amputation raten … aber das ist noch nicht klar. Vielleicht kann man die Pfote auch retten. Ja, und Euer armer kleiner Freund ist vom Metrostaub, vermischt mit Öl und Fett, so überzogen, dass sie ihn morgen, falls es ihm gut genug gehen sollte, baden werden – denn er soll diesen hochgiftigen Staub nicht ablecken. Im Moment schläft er. Ich würde sagen, Ihr habt ihn im allerletzten Moment gefunden. Ja, und ein wenig Hoffnung ist nun erlaubt. Vielleicht fängt er sich ja doch wieder?“

III.

Mehrere Tage bangen Wartens folgten. Am Freitag Abend rief die Tierklinik bei Zsazsa an. Der Kater, der sich nach einem Bad als rot getigert erwiesen hatte, war immer noch sehr schwach, hatte aber das Schlimmste offenbar überstanden. Das Unwahrscheinliche war eingetreten: man hatte die schwer verletzte Pfote retten können – nun hieße es, den Kater daran zu hindern, zu springen und zu laufen. Für ein paar Wochen ordne man strenge Käfighaltung an.

Zsazsa seufzte. Sie freute sich, dass das unbekannte Katerchen gerettet schien. Aber wohin nun mit ihm?

Als erstes baute Zsazsa den Hühnerkäfig im kleinen Zimmer auf, welchen Edwige nach einem Unfall für kurze Zeit hatte bewohnen müssen. Die Tigerkatze verschwand, als sie das Ungetüm erblickte, tief im Gestrüpp des Gartens.

„Da geh ich nie mehr rein!“ zeterte sie lautstark.

Luzi schlich auf leisesten Pfoten ebenfalls in den Garten. Dieser Käfig war ihm nicht geheuer!

Etwas später hörten die beiden das verzweifelte Rufen von Merlin. Sofort stürzten sie ins Zimmer zurück, und sahen den bandagierten, bis auf die Knochen abgemagerten Kater inmitten des Käfigs liegen, Zsazsa davorsitzend und ein Schälchen Flüssignahrung dem kleinen Patienten kredenzend.

Als Merlin Luzi sah, beruhigte er sich. Er schnupperte am Schälchen, hätte auch gern etwas genommen – besann sich aber und entschied, sich nicht sofort so kooperativ zu zeigen. Er konnte das wohlriechende flüssige Zeug immer noch später, wenn der Mensch nicht mehr zugegen war, auflecken.

Dann sank Merlin zurück in das Kissen, das Zsazsa im in den Käfig gelegt hatte. Sein Bein schmerzte und er hatte Angst. Was hatte dieser Mensch mit ihm vor?

zur Fortsetzung!

 

 

 

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