7. Kapitel – Menschengesellschaft

Leo gähnte. Eben wachte sie von einem ausgiebigen Nachmittagsschlaf auf, nachdem Edwige ihr einen reichhaltigen Salat mit Löwenzahn, Rucola und Sepiaschale zubereitet hatte. Sepiaschale hatte Leo seit Ewigkeiten nicht mehr geknabbert – sie schmeckte köstlich! Woher hatte Edwige die Sepia bloß? Leo nahm sich vor, Edwige später danach zu fragen. Sie wollte ja keiner anderen Schildkröte ihre Sepiaschale wegnehmen.

„Nun noch ein wenig dösen,“ dachte Leo und schloß die Augen.

Ein Stöhnen schreckte sie auf – es war Luzi, dem es trotz der Medizin, die Edwige ihm am Morgen gegeben hatte, nicht besser ging. Leo streichelte Luzis Stirn – und erschrak. Luzi fühlte sich ganz kalt an. Vorhin hatte er noch vor Fieber geglüht.

„Edwige!“ rief Leo voller Angst. „Edwige, komm schnell! Luzi geht es schlecht!“

Sie sprang von ihrem Kissten auf und lief in den Flur, um Edwige zu holen, in der Hoffnung, dass diese Luzi würde helfen können. Hier stoppte sie jäh – denn in eben diesem Augenblick öffnete sich die Etagentür und ein Mensch, offenbar ein junges, weibliches Exemplar, betrat die Wohnung.

„Hilfe!“ schoß es Leo durch den Kopf. „Ich hatte gleich gedacht, dass hier Menschen leben! Wo ist überhaupt Edwige?“

Leo schlüpfte in letzter Sekunde unter das Flurschränkchen – hier konnte der Mensch, oder eher die Menschin (wie nannte man nur weibliche Menschen?) sie nicht sehen.

Nun sah Leo aus ihrem Versteck heraus, wie Edwige seelenruhig aus dem Wohnzimmer in den Flur spazierte und der Menschin schnurrend um die Beine strich. Offenbar kannte sie sie! Das war einerseits beruhigend, andererseits bedeutete es aber auch, dass diese Menschin hier vermutlich wohnte. Was, wenn sie Luzi – und sie selbst, Leo – bemerkte?

„Psst, Edwige!“ zischelte Leo. „Ich bin hier, unter dem Schränkchen! Luzi geht es sehr schlecht. Und was macht dieser Mensch  hier?“

Edwige beruhigte Leo. „Das ist meine Menschin. Sie lebt schon lange hier bei mir. Du brauchst keine Angst vor ihr zu haben. Aber um Luzi mache ich mir nun große Sorgen. Es müsste ihm schon besser gehen mit der Medizin… ich befürchte, er muss zum Tierarzt.“

Leo erschrak. Vor Tierärzten hatte sie schreckliche Angst, und sie wusste von Luzi, dass er Tierärzte geradezu verabscheute. Er musste sogar schon mal einen gebissen haben – vor langer Zeit. Das behauptete er jedenfalls.

Die Gedanken an den Tierarzt schob Leo jedoch vorerst beiseite, denn sie sah mit Entsetzen, wie Edwiges Menschin – wie hieß sie überhaupt? – auf das kleine Zimmer zuging, in dem Luzi lag. So schnell sie konnte, rannte sie den Flur entlang, aber da war die Menschin bereits im Zimmer und hatte Luzi erblickt.

Luzi war zu schwach, um unter dem Bett zu verschwinden. Er blieb regungslos in dem Körbchen an der Heizung liegen und knurrte leise. Für ihn war der Tiefpunkt erreicht. Sterbenskrank in einer fremden Wohnung und nun noch ein Mensch in nächster Nähe: schlimmer ging es nicht. Luzi schloss die Augen. Wenn nicht ein Wunder geschah, war dies das Ende.

Das junge Mädchen drehte sich zu Edwige um. „Hast Du uns wieder Besuch mitgebracht, Edwige? Wer ist denn das? Sag ihm, er braucht nicht zu knurren. Er darf gern bleiben.“

Dann sah sie Luzi etwas genauer an und fügte hinzu, „Dein neuer Freund sieht sehr krank aus, Edwige. Ich glaube, er muss sofort in die Klinik. Guck, er hat auch erbrochen.“

Voller Entsetzen sah Leo, die sich vorsichtig angenähert und unter dem Bett versteckt hatte, dass Luzi tatsächlich die Medizin erbrochen hatte. So krank hatte sie Luzi noch nie gesehen. Sie begann, zu weinen.

Das Mädchen bemerkte das leise Wimmern der Schildkröte und warf einen Blick unter das Bett. Dort sah sie die verstörte Leo und blinzelte ihr freundlich zu. Zu Edwige sagte sie seufzend „Wenn Du weiter so machst, haben wir hier bald einen Zoo!“, dann nahm sie die Schildkröte einfach auf die Hand und setzte sie auf das Kissen neben der Heizung. Leo verschwand vor Schreck in ihrem Panzer – sicher ist sicher – hatte aber das Gefühl, dass die junge Menschin wohl keine Gefahr darstellte.

Dann verließ die Menschin zum Glück das Zimmer. Leo atmete auf.

Edwige saß nun neben Luzi am Korb. Sie sah sehr besorgt aus. „Es sieht nicht gut aus, Leo. Luzi ist sehr krank. Meine Menschin wird sich um ihn kümmern, aber ohne Tierarzt geht es nicht. Ich nenne die Menschin übrigens Zsazsa. Sie ist normalerweise gutartig – außer wenn sie versucht, mich auf Diät zu setzen. Aber das gelingt ihr nie.“

Die Menschin – Zsazsa – kam nun wieder ins Zimmer. Sie hielt ein großes Handtuch aufgefaltet zwischen ihren Händen. Ohne zu zögern legte sie das Handtuch über den wehrlosen Luzi, wickelte ihn geschickt darin ein, so dass nur noch der Kopf heraussah und trug das knurrende Bündel in den Flur, wo sie Luzi in den schon bereitstehenden Katzenkorb legte. Das Türchen schnappte zu – der Korb war geschlossen und Zsazsa aus der Tür. Aus dem Treppenhaus rief sie noch „Ich fahre direkt zur Tierklinik, es wird sicher etwas dauern. Wartet nicht auf mich mit dem Essen!“ – dann klappte die Türe. Edwige und Leo blieben allein zurück.

Luzi war weg.

Leo hätte am liebsten wieder angefangen, zu weinen. Edwige ließ das aber nicht zu. Sie bat Leo, das Körbchen von Luzi abzuziehen und die Wäsche in die Waschmaschine zu stecken, während sie, Edwige, das Abendessen vorbereitete.

„Wir müssen uns jetzt ablenken, und alles aufräumen und saubermachen. Denn es soll ja alles schön sein, wenn Luzi wiederkommt.“

Leo war über die ihr zugeteilten Aufgaben dankbar. So konnte sie gar nicht darüber nachdenken, wie es Luzi nun erging. Nachdem sie die Wäsche in die Maschine gestopft und es tatsächlich geschafft hatte, das gesamte Waschpulver über die Einschütte in die Maschine zu füllen, war sie stolz. Edwige brauchte nun nur noch auf den Knopf zu drücken, und die Trommel begann schäumend, sich zu drehen.

Edwige hatte indessen den Fernseher eingeschaltet und das Abendessen serviert. „Komm, wir gucken die Nachrichten. So kommen wir auf andere Gedanken.“

Leo musste eingeschlafen sein. Als ein Knarren sie weckte, war alles um sie herum dunkel – nur der Fernseher lief noch. Ein Schwarzweissfilm aus den 60er Jahren, offenbar ein Krimi, flimmerte über den Bildschirm. Edwige lag auf dem Sofakissen und schnarchte.

Das Knarren kam aus dem Flur. Die junge Menschin war eben zurückgekehrt. Vorsichtig lief Leo in den Flur. Ein jäher Schreck durchfuhr sie: der Katzenkorb, in dem Luzi vorhin weggetragen worden war, war wieder da – leer.

Luzi war nicht zurückgekommen. Hemmungslos begann Leo, zu weinen.

Zsazsa sah die Schildkröte und hob sie auf. „Dein kleiner Freund musste in der Klinik bleiben. Er wird dort gut versorgt. Wir hoffen alle, dass er sich wieder erholt.“

Und zu Edwige, die gerade schlaftrunken den Kopf von ihrem Kissen hob, sagte sie: „Katerchen hat die Katzenseuche. Das ist eine sehr schwere Erkrankung. Er ist jetzt an der Infusion und unter der Wärmelampe. Medizin hat er auch bekommen. Wir müssen ihm ganz fest die Daumen drücken.“

Leo kletterte zu Edwige auf das Sofakissen und kuschelte sich an die Katze an. „Luzi muss das schaffen,“ flüsterte sie.

Das junge Mädchen war in die Küche gegangen, um sich etwas zu essen zu holen. Hier stieß sie einen Schrei aus. „Edwige, nein! Warst Du das wieder? Wie oft muss ich Dir noch sagen, nicht an die Waschmaschine zu gehen…!“

Leo schlich bis zur Küchentür. Dort erblickte sie ihr Werk. Die Waschmaschine: ein riesiger, überquellender Schaumball – die Küche voller Schaum.

Sie hätte möglicherweise doch nicht die ganze Packung Waschpulver einfüllen sollen.

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