5. Kapitel – Eine Odyssee in Paris III

… Was bisher geschah:

Leo und Luzi waren voneinander getrennt worden. Beide versuchen nun, unabhängig voneinander einen Weg zum verabredeten Treffpunkt im 14. Arrondissement im Süden von Paris zu finden …

1.

Luzi saß seit Stunden gut versteckt im Metroschacht der Station Montparnasse. Er wartete dort darauf, dass die Station geschlossen wurde – um dann unbemerkt die langen Gänge entlang laufen zu können, bis zum Metrogleis in Richtung Châtillon-Montrouge. Von dort aus waren es bis Pernety nur noch zwei Stationen.

Am späten Nachmittag stieg eine Truppe peruanischer Musiker aus einem der Metrozüge aus. Die Truppe zog eine großen Bollerwagen hinter sich her, in dem ihre Musikinstrumente lagen – und ihre peruanischen Hüte und Ponchos. In der Metro war es viel zu warm für diese Verkleidungen.

Luzi entschied sich blitzschnell, diesen Wagen als Versteck und Transportmittel zu nutzen. Mit einem Satz sprang er – von den Peruanern unbemerkt – in den Bollerwagen, gut versteckt unter einem Poncho. Dort entdeckte er ein liegengelassenes Thunfischsandwich, welches er im Handumdrehen mitsamt der Papierverpackung verschlang.

Als die Musiker mit ihrem Bollerwagen die langen trottoirs roulants, die Laufbänder mitten in der unterirdischen Station betraten, atmete Luzi auf. Dies war der für ihn gefährlichste Teil seiner Reise. Auf den Laufbändern gab es keinerlei Schutz für ihn. Aber nun saß er ja gut versteckt unter den Ponchos der peruanischen Musiker – und brauchte sich zunächst keine Sorgen zu machen.

Der Bollerwagen kam nun in die Nähe seines Umsteigegleises. Luzi sprang an diesem günstigen Punkt ab – und gleich hinein ins nächste Versteck: eine Nische hinter einem Mülleimer.

Kurze Zeit später betrat Luzi die Metro in Richtung Pernety. Es war 18 Uhr 10. Luzi wusste nicht, dass in eben diesem Moment Leo mit Amalia und Gerrit von der Station Pernety in Richtung Rue de Gergovie aufgebrochen war.

Als Luzi in Pernety ausstieg und links in die Rue Raymond Losserand einbog, wurde er plötzlich von einem Gefühl der Vertrautheit übermannt. Seit Jahren war er hier nicht gewesen – und doch war alles wie früher. Er setzte sich kurz in einem der Hauseingänge und ließ seinen Blick über die Häuserfassaden gleiten. Die meisten Geschäfte kannte er noch – andere hatten sich verändert oder waren nicht mehr da. Die Wichtigsten – der kleine Fleischerladen, der Fischhändler und die Fromagerie – waren aber unverändert am Platz. Luzi jubelte innerlich. So guten Käse gab es nirgendwo wie in der hiesigen Fromagerie.

Schnell sprang er auf, schnappte sich im Vorbeilaufen ein Stück Fisch, das von der Theke des Fischhändlers herunter auf die Straße gefallen war, und hatte bald die Rue de Gergovie erreicht, in die er links einbog. Rechts herein hatte er auch eine Adresse gehabt, aber dort wollte er heute nicht hin.

Heute musste er zum Treffpunkt, dieser allein zählte.

Er lief vorbei an den kleinen Läden auf der linken Seite der Rue der Gergovie. Hier fiel ihm auf, dass der Barbier, der ihm früher ab und zu ein Leckerli zugesteckt hatte, nicht mehr da war. Ansonsten sah die Straße aber immer noch genau so aus wie damals.

Bald hatte er die Hausnummer 75 erreicht – hier hatte er vor Jahren gelebt. Luzi seufzte. Dies war weniger aus Melancholie ob der vergangenen Zeit, als aus Furcht. Er war am Treffpunkt angelangt: gegenüber lag der kleine private Square, von dem er Leo erzählt hatte. Mit einem Satz sprang er auf das kleine Mäuerchen, zwängte sich zwischen den gusseisernen Stäben hindurch – und war in dem kleinen gartenartigen Square verschwunden.

Nun hiess es, ein gutes, sicheres Versteck zu finden und dort auf Leo zu warten. Egal, wie lange es dauern würde – er würde hier ausharren, bis Leo kam.

Die Buchsbaumhecke zog ihn an. Hierin konnte er sich nahezu unsichtbar machen. Er suchte einen Einstieg in die Hecke, schlüpfte hinein und fand eine Kuhle unter der Hecke. Von den Buchsbaumblättern geschützt war der Unterschlupf von außen nicht zu entdecken. Für den Anfang war dies ein gutes Quartier, um abzuwarten, bis Leo eintraf. Denn Leo würde ganz sicher kommen.

Luzi nahm seinen kleinen Militärbeutel von der Schulter. Gleich oben auf im Beutel lag das Stück Fisch, das er vorhin erbeutet hatte – hungrig machte er sich darüber her. Dann rollte er sich zusammen und schlief ein.

2.

Ein Gurren weckte ihn etwas später. Offenbar saßen Tauben auf der Mauer direkt hinter seiner Buchsbaumhecke. Dies konnte eine großartige Gelegenheit für ein Festmahl sein! Wie kam er nur, ohne ein Geräusch von sich zu geben, aus seinem Buchsbaumversteck heraus … um dann seinen Sonntagsbraten zu fangen?

Noch bevor er sich einen Schlachtplan zurechtlegen konnte, hörte er die Tauben sprechen – und war plötzlich wie elektrisiert!

„Gerrit, das ist einfach zu gefährlich hier. Guck die Hecke da unten. Wer weiss, wer da drin lauert! Lass uns nach oben aufs Dach fliegen.“ „Aber von da oben kann Leo nichts sehen. Vielleicht ist ihr Freund schon da und hat sich versteckt? Wir müssen sie unten in den Garten setzen.“

Nun mischte sich eine dritte Stimme ein – Luzi wurde fast ohnmächtig: diese Stimme kannte er! „Ihr könnt mich doch einfach hier auf der Mauer lassen. Ich hangele mich da schon bis runter auf den Boden!“ sagte die Stimme. Es war Leos Stimme!

Ohne Rücksicht auf die Zweige und das Rascheln wühlte Luzi sich aus der Hecke heraus. „Leo!“ rief er. „Leo!! Ich bin hier! Luzi – ich bins!“

Ein wildes Flattern ertönte. Beide Tauben flogen in Panik auf das gegenüberliegende Dach – Leo aber saß auf dem Mäuerchen und weinte vor Freude. Mit einem Satz war Luzi auf der Mauer – dann lagen sich die beiden Freunde in den Armen.

3.

Als sie die beiden etwas gefangen hatten und Leo Luzi ihre abenteuerliche Reise bis zum Treffpunkt erzählt hatte, rief Luzi den beiden gerührt gurrenden Tauben zu: „Ihr habt von mir nichts zu befürchten. Ihr seid Leos Freunde – und also auch meine Freunde. Ich tue Euch ganz sicher nichts. Danke, dass Ihr Leo hergebracht hab – ich werde Euch das nie vergessen!“

Beide Tauben nickten Luzi zu – zum Zeichen, dass sie das Freundschaftsangebot annahmen, wenn auch vorsichtig. Als Taube hat man es etwas schwer, einer Katze wirklich zu vertrauen. Vorerst war es das Beste, auf freundlichem Abstand zu bleiben.

Gurrend verabschiedeten sich Amalia und Gerrit von den beiden Freunden. Sie wollten heute noch zurück zum Parc Monceau fliegen, wo ihre Familie auf sie wartete. Amalia sagte Leo, dass sie, falls sie noch einmal Hilfe benötigen sollte, sich an jede Taube wenden könne – sie brauche nur zu sagen, sie sei eine Freundin von Amalia und Gerrit vom Parc Monceau. Die Tauben seien eine große Familie – sie würde dort jedenfalls Unterstützung bekommen.

Luzi seufzte. „Taubenbraten“ würde er wohl in Zukunft von seiner Speisekarte streichen müssen …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s