3. Kapitel – Eine Odyssee in Paris I

1.

Den ganzen Tag hatten Leo und Luzi auf dem Champ de Mars verbracht. Leo war es vor dem Eiffelturm schwindlig geworden, so lang hatte sie mit weit zurückgelegtem Kopf das eiserne Ungetüm bestaunt. Natürlich wäre sie am liebsten ganz bis nach oben geklettert – oder mit dem Aufzug hochgefahren. Aber das war wegen Luzi nicht möglich gewesen: ein kleiner Streunerkater auf dem Eiffelturm – der wäre aufgefallen. Deshalb hatten die beiden Freunde es vorgezogen, den Eiffelturm nur von unten zu bewundern und dann auf dem weitläufigen Marsfeld Verstecken zu spielen, bis sie müde waren.

Es wurde nun langsam dämmrig. Luzi fragte: „Möchtest Du heute abend ausgehen, Leo? Oder wollen wir uns einen gemütlichen Abend bei mir zu Hause machen?“

Leo war so müde vom Spielen und Laufen, dass sie nur nickte, als Luzi „zu Hause“ sagte. Ausgehen konnten sie ja morgen noch – die unzähligen Pariser Restaurants liefen ihnen nicht weg, dachte Leo.

In der nahegelegenen Station Bir Hakeim stiegen die beiden in die Metro. Bis zum Gare de l´Est mussten sie zweimal umsteigen: einmal am Trocadéro und dann in der Station Strasbourg St Denis. Je näher sie dem Gare de l´Est kamen, desto schmuddeliger wurden die Metrowaggons, in die sie einstiegen.

„Warum ist es hier denn nicht so schön sauber in der Metro wie am Trocadéro?“ fragte Leo, während sie versuchte, nicht an einem Kaugummi, das jemand ausgespuckt hatte, festzukleben.

„Das ist schon immer so gewesen,“ sagte Luzi – obwohl das keine Antwort war. „Im Norden von Paris liegen die großen Bahnhöfe, dort ist es etwas ungepflegter. Aber vor allem musst Du wissen, dass der Trocadéro eine der reichsten Gegenden von Paris ist. Sie haben dort ausreichend Zeit und Geld, um den ganzen Tag zu putzen. Am Gare de l´Est ist das nicht so. Hier wohnen auch viele Menschen und Katzen, die nicht so reich sind.“

Betreten schwieg Leo. Es war ihr nun peinlich, die Frage gestellt zu haben. Aber noch bevor sie ganz rot werden konnte, waren sie auch schon am Gare de l´Est angekommen – von hier aus war es bis zu Luzis Versteck nicht mehr weit.

Luzi wohnte in einer Höhle gleich hinter den Abstellgleisen, die man nur erreichen konnte, wenn man mehrere Mauervorsprünge hinaufkletterte, sich an einer Regenrinne entlanghangelte und schließlich in einem Loch in der Mauer verschwand. Dahinter verbarg sich ein ziemlich großer Raum, den Luzi mit Geschick eingerichtet hatte. Gleich am Eingang stand ein wackliges kleines Bauernschränkchen, das Luzi bei Catmaüs ergattert hatte und das all seine Habseligkeiten beherbergte. Bei Catmaüs bekommen Katzen, die keine Menschenfamilie haben, Möbel und Haushaltsgeräte. Auch das alte Sofakissen, das Luzi als Bettchen diente, stammte von Catmaüs.

Es war kühl geworden. Luzi fachte in der kleinen Vertiefung in der Wand, die als Kamin fungierte, die noch leicht glühenden Holzscheite an, hängte den mit Wasser gefüllten, verbeulten Kupferkessel über die Glut und stellte die Teetassen vor den Kamin. Als das Wasser kochte, warf er geschickt eine kleine Pfote voll Teeblätter in den Kessel – der Tee war fertig.

Glücklich schlürfte Leo ihren Tee. „Es tut mir leid – ich habe keinen Zucker“, sagte Luzi. „Ich habe es bisher nie geschafft, welchen zu stibitzen.“

„Ich mag den Tee sogar lieber ohne Zucker. Und stibitzen sollte man besser nichts!“ meinte Leo.

Luzi seufzte. Leider war er als Streunerkater darauf angewiesen, hier und da etwas Essbares mitgehen zu lassen. Wie sollte er auch sonst überleben?

Luzi stand auf. „Ich werde ein paar Sachen waschen. Jetzt, wo das Feuer schön brennt, kann ich Wasser kochen, und die Wäsche trocknet über dem Feuer auch besser. Magst Du in der Zeit zum Supermarkt gehen und gucken, ob Du etwas für uns zum Essen findest? Es ist nicht mehr viel in der Speisekammer. Das wäre lieb von Dir!“

IMG_3509Leo nickte. Der kleine Supermarkt war nicht weit, und es machte ihr Spaß, bei Anbruch der Nacht noch einmal über den Bahnhof zu spazieren. Man sah so viele interessante Leute aus aller Herren Länder. Leo dachte sich gern Geschichten aus über diese Menschen – wo sie vielleicht herkamen, und wohin sie wohl noch reisen mochten…

Draußen war es nun stockfinster. Der Supermarkt hatte aber noch auf – das war einer der großen Vorteile, wenn man an einem Bahnhof wohnte. Irgendein Geschäft hatte immer geöffnet!

2.

Als Leo mit Salatblättern, einer Tomate und einer zerkratzten Dose Katzenfutter vom Supermarkt zurückkam, fiel ihr das seltsame rotweisse Plastikband auf, das den Teil des Bahnhofs, auf dem die Abstellgleise lagen – und auch Luzis Versteck – abtrennte. Nun gut: sie konnte ja problemlos unter dem Band durchkrabbeln; es störte nicht.

Als sie mit dem Abendessen in die Wohnung zurückkam, hatte sie das Band schon wieder vergessen.

Luzi hatte Kerzen angezündet, die die kleine Höhle in ein sanftes Licht tauchten. Er zauberte einen feinen Salat mit etwas Vinaigrette auf Luzis Teller – und ließ sich dann die Dose mit dem Katzenfutter schmecken. Es war ein fürstliches Mahl!

Nach dem Abendessen fielen Leo die Augen zu. Sie krabbelte in Luzis Bettchen, wickelte sich in den großen Wollschal, den Luzi auf dem Bahnhof gefunden hatte und der nun seine Bettdecke war, und schlief ein.

Luzi hängte noch die frischgewaschene Wäsche über dem Kamin auf – so sollte sie bis morgen trocknen. Dann legte auch er sich ins Bett, kuschelte sich an Leo und nickte ein.

3.

Ohrenbetäubender Lärm und ein starkes Beben weckten die beiden noch vor dem Morgengrauen. Die Wand hinter dem Bett schien bersten zu wollen – Steine, Staub und Unrat fielen von der Decke aufs Bett. Leo verhielt sich reflexartig wie eine Schildkröte: sie zog sich vollständig in ihren Panzer zurück. Luzi schrie laut auf: ein Stein hatte ihn getroffen. Die Höhle drohte einzustürzen! Geistesgegenwärtig ergriff Luzi seinen kleinen grünen Militärumhängebeutel, stopfte die gepanzerte Schildkröte und einige Habseligkeiten hinein – und sprang mit einem Satz aus seinem Versteck. Er war kaum aus der Nische, die einmal seine Wohnung gewesen war, heraus, da brach die gesamte Mauer ein.

Dahinter kam ein riesiger Schaufelbagger zum Vorschein, der sich anschickte, das Areal dem Erdboden gleichzumachen.

Luzi hatte innerhalb von Sekunden seinen Unterschlupf und sein ganzes Hab und Gut verloren.

IMG_3504Blind vor Angst rannte er in das Bahnhofsgebäude hinein, in dem gerade die Stoßzeit des Berufsverkehrs herrschte. Zitternd schaffte er es, sich hinter einem Mülleimer zu verstecken. Dort sah er als erstes in seinen Militärbeutel – und atmete auf: Leo saß sicher im Beutel und sah Luzi aus riesigen, verängstigten Augen an, die aus dem Panzer keine zwei Millimeter hervorschauten.

„Was ist denn passiert, Luzi?“ flüsterte sie entsetzt.

„Ich weiss es nicht. Sie reissen alles ab am Abstellgleis! Meine Wohnung ist weg. Alles ist weg!“

Luzi begann zu weinen. Leo kroch vorsichtig aus dem Beutel heraus. Sie streichelte Luzi die Pfote. „Luzi, wir suchen uns eine neue Wohnung! Irgendwo müssen wir doch etwas finden in einer so großen Stadt wie Paris…“

Luzi fasste sich. „Leo, wir haben keine Bleibe mehr. Wir sind heimatlos. Das ist nicht nur sehr unangenehm – es ist auch gefährlich hier in Paris, jedenfalls für Streuner wie mich. Deshalb brauchen wir so schnell es geht einen sicheren Unterschlupf. Merk Dir gut, was ich Dir jetzt sage – wir könnten getrennt werden, und dann haben wir keine Möglichkeit mehr, uns wiederzufinden. Sollte das passieren, ist hier der Treffpunkt: Du nimmst die Metro bis zur Station Pernety. IMG_3510Das ist im 14. Arrondissement, im Süden von Paris. Wenn Du aus der Station Pernety kommst: rechts die rue Raymond Losserand runter, bis zur rue de Gergovie – dort gehst Du links. Dort, wo die rue de Gergovie und die rue d´Alesia aufeinandertreffen, ist ein kleiner Square. Das ist unser Treffpunkt. Immer abends in der Dämmerung warten wir dort aufeinander. Kannst Du Dir das merken? Pernety, rechts Losserand, links Gergovie, Alesia, Square. Und dort gehen wir nun hin. Ich kenne dort jemanden. Also … wenn sie noch dort leben.“

Leo nickte. Sie versuchte, die ihr ganz unbekannten Worte immer wieder aufzusagen. Perne-Wie? Links? Rechts? Losserand, Gergo-Was? Allesie? Die Straßennamen vermischten sich in ihrem Kopf. Aber Luzi war ja da – sie musste keine Angst haben, die Adresse allein finden zu müssen. Ganz sicher würden sie nie getrennt!

Sie saßen immer noch hinter dem Mülleimer. Luzi meinte, es sei besser, ein wenig abzuwarten, bis nicht mehr so viele Leute auf den Bahnsteigen waren. Kurze Zeit später war die morgendliche Rushhour abgeflaut.

Ohne sich noch einmal umzusehen, lief Luzi los. Er ließ alles hinter sich, was er einmal besessen hatte. Aber in seinem kleinen Militärbeutel waren Leo – und sein Lieblingsbuch. Es war nicht alles verloren.

4.

IMG_3511Die Metrogänge hatten Luzi mitsamt seinem Militärbeutelchen schnell verschluckt. Vorsichtig lief der Kater durch die Gänge – immer darauf bedacht, möglichst keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Auf dem Gleis angekommen galt es, sich bis zum Eintreffen der Metro hinter den Plastiksitzen, die für die Wartenden vorgesehen waren, zu verbergen. Gerade wollte Luzi hinter einen dieser Sitze schlüpfen, da betrat eine Gruppe von Studenten das Gleis – und erblickte den Kater.

„Habt Ihr das schon mal gesehen?“ sagte der eine der jungen Männer – mit merklich unsicherer Aussprache. Das Grüppchen hatte offenbar bis tief in die Morgenstunden gezecht und versuchte nun, nach Hause zu finden – dies wurde durch den Alkoholgenuß der vergangenen Nacht jedoch erschwert.

„Ein Kater mit einer Umhängetasche! Ob das der gestiefelte Kater ist? Vielleicht kann er gar sprechen?“

„Du siehst wohl Gespenster, Carl!“ sprach ein anderer Student. „Du hast einen Kater – aber keinen gestiefelten!“ Das Grüppchen brach in wieherndes Gelächter aus.

Luzi war das Herz indessen tief in die Hose gerutscht. Sein Herz schlug wild – voller Furcht suchte er nach einer Fluchtmöglichkeit. Aber auf dem engen Metrogleis gab es kaum Möglichkeiten, zu entkommen! Als der Student sich näherte, während seine Kumpane versuchten, Luzi einzukreisen, sprang der Kater mit dem Mut der Verzweiflung hinter den Sitzen hervor, fauchte so laut er konnte und versuchte, sich zwischen den Beinen der Studenten hindurchzuschlängeln.

Ein etwas weniger alkoholisierter Student griff nach dem Kater und bekam Luzis Umhängebeutel zu fassen. Luzi drehte sich um, schlug nach dem Mann – dieser zuckte zurück, ließ aber den Beutel nicht los. Luzi gelang es, die Tasche abzustreifen – und war mit einem Sprung auf den Gleisen und im Schlund der Metro verschwunden!

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Was viele Leute nicht wissen, ist folgendes: Mitarbeiter der RATP müssen oft auf den Gleisen arbeiten, und daher gibt es in den Metrotunneln, in denen die Züge fahren, auf jeder Seite ein bisschen Platz für eine Person. Wenn man weiter in den Tunneln läuft – was man NIE tun sollte, da man dort in unmittelbarer Lebensgefahr ist – erwarten einen verlassene Gänge, Geisterstationen und ausgediente Metrowaggons.

In diese Unterwelt war Luzi eingetaucht. Den Studenten war er entkommen – aber er hatte seinen Beutel verloren und damit das Wertvollste, was er besaß: seine Freundin Leo.

Entsetzt ob dieses Verlusts, versuchte Luzi aus sicherer Entfernung zu beobachten, was die Unmenschen mit seiner Tasche und dem wertvollen Inhalt anstellten. Einer der Studenten hatte den Beutel geöffnet, den ersten Band der „Recherche“ von Marcel Proust entdeckt – Luzis Lieblingsbuch, das er auf einer Bank in den Tuilerien gefunden hatte. Der junge Mann kramte weiter in dem Beutel herum, da schoß ihm Leo entgegen, stieß ihren bösesten Schildkrötenschrei aus und rief, so laut sie nur konnte „Lass mich bloß in Ruhe!“

Der Student erstarrte. Voller Schreck ob der sprechenden Schildkröte schleuderte er die Tasche von sich auf die Gleise – wo sie augenblicklich von den in diesem Moment hereindonnernden Metrozügen überrollt wurde.

Luzi schloß die Augen.

Das war das Ende. Leo war von der Metro überfahren worden – und er hatte sie nicht beschützen können. Es war seine Schuld, dass sie tot war. Nur er war schuldig, er allein.

Was Luzi nicht hatte sehen können, war dies: als der Student den Beutel weggeworfen hatte, war Leo in hohem Bogen bis auf das gegenüberliegende Gleis katapultiert worden, wo sie ganz weich in dem Einkaufskorb einer älteren Dame, die soeben vom Markt kam, gelandet war – mitten auf einem riesigen Batavia-Salatkopf.

Da die Metro gerade eingefahren war, stieg die Dame mitsamt ihrem Korb ein – und Leo mit ihr. Das Signal ertönte, die Türen schlossen sich – und Leo war in ihrem Salatkopf auf Reisen an ein unbekanntes Ziel.

5.

Nachdem die Metro weggefahren war (sie hatte auch die unseligen Studenten mitgenommen), sah Luzi seinen ramponierten Beutel auf den Schienen liegen. Schnell lief er zu der Tasche, schnappte den Riemen und zerrte sein letztes Hab und Gut in den Metroschacht. Mit zitternden Pfoten öffnete er den Beutel. Sein Marcel Proust kam zum Vorschein – ein wenig zerfleddert, aber ganz. Luzi warf das Buch zu Boden und griff in den Beutel. Keine Leo! Er schüttelte den Beutel aus, drehte das Innere nach außen: nichts. Leo war weg. Gab es Hoffnung, dass Leo den Unfall überlebt haben könnte?

Luzi schluchzte laut auf, dann rief er „Leo! Leo, wo bist Du?“

Keine Antwort. Luzi rief, weinte, flehte … keine Antwort.

Auf den Gleisen sah Luzi keine Spur einer Schildkröte – auch unter den Schienen nicht. Luzi entschied sich, die Suche einen Moment auszusetzen und zu versuchen, seine Fassung wiederzufinden. Er schlich in den Metroschlund zurück, wo er in einer Mauervertiefung Schutz vor den durchfahrenden Zügen fand.

Gerade wollte er wieder zu der Station zurücklaufen, um dort weiter nach Leo zu suchen, da hörte er hinter sich ein lautes Knurren.

Schnell drehte er sich um, machte seinen bedrohlichsten Katzenbuckel und stieß ein böses Fauchen aus. Vor ihm stand ein struppiger, offensichtlich ganz alter Tigerkater. Dieser versuchte zwar ebenfalls, besonders kampfeslustig auszusehen – aber Luzi merkte schnell, dass das Tier kaum noch Zähne besaß.

Er ließ den Buckel Buckel sein und setzte sich. „Bonjour mon ami. Ich will Dir dein Territorium nicht streitig machen. Ich bin nur durch Zufall hier. Heute haben sie mir meinen Unterschlupf abgerissen, und meine Freundin habe ich eben auch verloren. Ich bin keine Bedrohung für Dich.“

Der Tigerkater setzte sich ebenfalls. „Da haben sie Dir aber übel mitgespielt! Und wie hast Du Deine Freundin verloren? Ist sie weggelaufen?“

In knappen Worten erklärte Luzi dem Kater die Situation. „Eine Schildkröte …?“ fragte der Tigerkater ungläubig. „Früher gabs das als Suppe … nun stehen die unter Naturschutz. Das hätte ich auch mal gerne … Hm, und Du meinst, sie wurde hier von der Metro überfahren?“

Luzi schluchzte laut auf – und nickte.

Der Tiger schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Hier ist kein Tier überfahren worden. Das kann ich Dir garantieren. Ich gehe seit Jahren auf Jagd, meistens draußen, aber auch in den verlassenen Gängen dort hinten. Ich kriege den Dosenkram und die Reste aus dem Müll nicht runter. Ich sag Dir: wenn es hier irgendwo eine Beute gibt, sei sie lebendig oder tot, dann rieche ich das – noch dazu so etwas Exotisches wie eine Schildkröte. Im Moment rieche ich nichts dergleichen. Deine Freundin ist nicht mehr hier. Da bin ich ganz sicher.“

Ungläubig sah Luzi den Tigerkater an. Sagte er ihm das etwa nur, um ihn zu trösten? Aber warum gab es keine Spur von Leo? Der Tiger musste Recht haben: Leo war nicht unter die Metro geraten. Nur wo war sie?

Der fremde Kater räusperte sich. „Mein Name ist übrigens Merlin. Wie der Zauberer.“ Luzi stellte sich ebenfalls vor. Er war froh, nun nicht allein sein zu müssen.

„Merlin, ich muss meine Freundin wiederfinden. Sie ist Deutsche und kennt Paris nicht. Wir haben einen Notfall-Treffpunkt vereinbart, aber der liegt im 14. … das ist sehr weit, und Leo kennt sich in der Metro kaum aus. Ich kann aber nicht hierbleiben – ich muss ins 14. Arrondissement und versuchen, dort jemanden zu treffen. Falls Du hier eine kleine Schildkröte herumirren siehst: kannst Du ihr helfen, den Treffpunkt zu finden? Ich werde mich erkenntlich zeigen!“

Luzi erklärte Merlin, wo der Treffpunkt lag und wie man dort am schnellsten hinkam. Metro Richtung Porte d´Orléans, umsteigen in Montparnasse (das allein war eine Weltreise) und heraus in Pernety.

Merlin versprach, Leo zu helfen – falls er sie denn sehen würde. Luzi stupste ihn dankbar mit dem Köpfchen. Dann schulterte er seinen Zampel und machte sich auf den Weg in Richtung 14. Arrondissement.

6.

Leo hatte indessen gewagt, an den Rand des Einkaufskorbs der älteren Dame zu klettern. Der Ernst der Situation war ihr klargeworden, als die Metro in Richtung Porte de Clignancourt losgefahren war. Sie musste ja in die entgegengesetzte Richtung, wenn sie zum Treffpunkt kommen wollte, das hatte Luzi ihr noch gesagt, als sie die Station betreten hatten. Halt – der Treffpunkt … ja wo war der noch?

Leo wurde es schwarz vor den Augen. Was hatte Luzi ihr denn gesagt … „im Süden“ fiel ihr noch ein, und eine Zahl … war es 14 gewesen? Oder 15? Zahlen konnte sie sich doch nicht merken! Und was hatte die Zahl zu bedeuten?

Die Metro hielt, die Türen öffneten sich. Todesmutig sprang Leo aus dem Korb, krabbelte bis zur Tür – und konnte über den mindestens 30 cm breiten Spalt herüber nicht auf das Gleis springen. Mit letzter Kraft klammerte sie sich an das Hosenbein eines Herrn, der hier ausstieg – und war draußen.

Wie sollte es weitergehen? Sie musste es schaffen, auf das gegenüberliegende Gleis zu kommen, um dort die Metro in Richtung Porte d´Orleans zu nehmen. Wohin sie dann musste, war ungewiss. Aber sie würde in der Metro Zeit haben, darüber nachzudenken.

Sie ließ das Hosenbein des Herrn, der sie unwissentlich mitgenommen hatte, los und krabbelte in Richtung „Porte d´Orléans“ – fest entschlossen, alles daran zu setzen, ihren Freund Luzi wiederzufinden.

7.

Leos Elan wurde jedoch sofort gebremst. Nur wenige Meter vom Bahnsteig entfernt traf sie auf eine Treppe, deren Stufen viel zu hoch für eine kleine Schildkröte waren. Leo versuchte mehrmals, die unterste Stufe der Treppe zu erklimmen – erfolglos.

Zwar führten noch andere Gänge vom Bahnsteig weg, aber diese bedienten andere Metrolinien – mit ihnen wäre Leo ganz in die Irre gefahren. Was war zu tun?

Ein junges Mädchen blieb in Leos Nähe stehen, um sich den Schnürsenkel zu binden. Es stellte seine Handtasche direkt neben Leo auf den Boden – Leo wusste, dass sich diese Gelegenheit vielleicht kein zweites Mal bieten würde. Ohne weiter zu nachzudenken, kroch Leo in die Tasche hinein – in der Hoffnung, so die Treppe überwinden zu können.

Das Mädchen nahm seine Tasche wieder an sich. Was Leo nicht bedacht hatte: die Tasche hatte einen Reissverschluss. Diesen zog das Mädchen zu, denn in der Metro sollte man nicht mit offenen Taschen unterwegs sein.

Leo war gefangen.

Das junge Mädchen warf die Tasche über die Schulter: Leo flog in dem Beutel zwischen Portemonnaie, Lippenstift, Ausweis, Heften und anderem Krimskrams hin und her – und verfluchte ihren Entschluss, in die Tasche einzusteigen. Schließlich fand Leo in einer kleinen Innentasche Zuflucht – hier wurde sie zumindest nicht mehr durchgeschüttelt.

Offenbar hatte die junge Dame es eilig: sie lief durch die Metrogänge, die Treppen hoch und wieder herunter, stieg in eine Metro ein. Die Metro rüttelte kräftig beim Fahren, dann hielt sie an … offenbar stieg das Mädchen kurze Zeit später um und nahm eine weitere Metro. Nach einer für Leo unendlich langen Zeit des bangen Wartens verließ die junge Frau offenbar den Metrowaggon, sprang mehrere Treppen hinauf – und war draußen auf der Straße. Leo konnte zwar nichts sehen, aber die Straßengeräusche drangen doch an ihre Ohren.

Als sie daran dachte, dass sie in einer Handtasche gefangen war, während Luzi in einem Metrotunnel festsaß, hätte sie am liebsten laut losgeweint. Aber das konnte sie sich jetzt nicht erlauben. Es wäre viel zu gefährlich gewesen, nun entdeckt zu werden.

Leo zuckte zusammen. Das Mädchen hatte plötzlich begonnen, zu sprechen! Ein anderes Mädchen antwortete, dann hörte Leo die Stimme eines Jungen. Eine Glocke erklang. Die jungen Leute verstummten, die Tasche wurde auf den Boden gestellt. Wo waren sie nur angekommen?

Nun sprach eine erwachsene Stimme. Jemand begann, an der Tasche herumzufummeln und den Reissverschluss aufzuziehen! Schnell versteckte sich Leo unter dem Personalausweis, der lose in dem Beutel herumflog.

Das Mädchen kramte nun achtlos in der Tasche herum. Endlich fand es, was es suchte: einen Kugelschreiber. Die Tasche blieb offen! Leo konnte es wagen, einen Blick nach draußen zu werfen. Fast fiel sie vor Schreck in den Beutel zurück: um sie herum saßen mindestens 25 junge Menschen in einem Raum – vor ihnen ein älterer Mensch an einer großen grünen Tafel.

Leo war in der Schultasche des Mädchens in dessen Schule mitgereist.

Die tapfere Schildkröte musste sich nun fassen. Ihre Situation hatte sich seit heute früh mit jeder Minute verschlimmert: erst der Schaufelbagger, dann der Einsturz von Luzis Heim – schließlich der Verlust von Luzi in der Metro und nun mit einer Schulklasse im Französischunterricht: zwei Dutzend Jugendliche, die mit einer Schildkröte möglicherweise liebend gern Fußball spielen würden. Sie musste einen Ausweg finden.

Vorsichtig spähte sie durch den Raum. An die – im übrigen geschlossenen – Fenster kam sie nicht heran. Die Tür des Klassenzimmers war ebenfalls zu. Es war nichts zu ändern: Leo musste abwarten, bis die Schulstunde zuende war. Dann ergab sich eventuell eine Möglichkeit, unbemerkt den Raum zu verlassen.

… hier geht es zur Fortsetzung!

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