1. Kapitel – Eine Schildkröte auf Reisen

Als ich heute morgen aus dem Haus ging, um zur Arbeit zu fahren, traute ich meinen Augen nicht. Direkt vor meiner Tür saß eine kleine Schildkröte, die versuchte, an der Wand hochzuklettern, um an die Klingeln zu kommen!IMG_0607 Ich setzte mich hin, um mit ihr zu sprechen – da erzählte sie mir dies:

Vor langer Zeit – wie lange genau, das wusste sie nicht mehr – war sie im Dresdner Zoo von einer lieben Familie aufgenommen worden. Sie hatte mit dem kleinen Jungen – Jakob – gespielt – aber plötzlich sei Jakob verschwunden, und sie habe mutterseelenallein auf einem Karussell auf dem Spielplatz gesessen.IMG_0609

Sie habe laut nach ihrem neuen Freund gerufen, aber er sei schon weit weg gewesen.

Kurze Zeit später sei ein junger Mann gekommen, der sie mitgenommen habe. Es war ein Geschäftsreisender, der seiner kleinen Tochter genau so eine Schildkröte mitbringen wollte. Er dachte, die Schildkröte habe keine Familie. Leider konnte er die Schildkröte nicht verstehen und hat so auch nicht bemerken können, wie sie ihm immer wieder sagte, dass sie doch schon ein Zuhause habe und nur darauf wartete, abgeholt zu werden!

Der Mann sei direkt nach seinem Besuch im Zoo zum Dresdner Hauptbahnhof IMG_3500gegangen und habe sich in einen Zug nach Berlin gesetzt. Die Schildkröte habe den Kopf aus der Jackentasche des Mannes herausgestreckt, und die vorbeifliegende Landschaft gesehen. Das habe ihr sehr gut gefallen! Und in Berlin habe sie sich gedacht, es wäre doch großartig, allein auf Reisen zu gehen.

Deshalb sei sie aus der Tasche des Mannes herausgeklettert und habe sich unbemerkt einer Reisegruppe angeschlossen, die auf dem Weg nach Paris war.

Die Reise war abenteuerlich. Die Schildkröte musste aufpassen, dass sie alle Anschlußzüge bekam – und nicht aufs falsche Gleis krabbelte! Zum Glück verstand sie die Ansagen der Bahnhofsangestellten gut. Und sie blieb möglichst in der Nähe der Leute, deren Reiseziel auch Paris war.

IMG_3506Nach einer langen, ermüdenden Reise kam die Schildkröte in Paris an. Dort stolperte sie aus dem Zug, und wäre fast von den vielen Leuten zertreten worden! Mit letzter Kraft krabbelte sie bis ans Ende des Gleises und kletterte dort auf einen Prellbock, auf dem sie zunächst in Sicherheit war.

IMG_3507Dort wartete sie, bis im Bahnhof (sie war auf dem Gare du Nord angekommen) Ruhe einkehrte. Das war sehr spät in der Nacht:  alles war dunkel und still. Nun erst traute sie sich aus ihrem Versteck hervor und ging als erstes auf die Suche nach etwas zu essen – denn mittlerweile knurrte ihr sehr der Magen.

Gerade hatte sie ein weggeworfenes Brot mit einem Salatblatt erspäht, das ihr recht appetitlich vorkam, da sauste etwas auf sie nieder. PATSCH! – machte es, und sie konnte sich nicht mehr bewegen, denn irgendetwas Großes hielt sie fest! Schnell zog sie sich in ihren Panzer zurück – darin war sie ganz sicher. Dann guckte sie aber doch, was draußen los war, und wer sie da festhielt – und sah mitten hinein in die grünen Augen eines riesigen, schwarzen Katers!

Der Kater hatte noch nie eine Schildkröte gesehen. Er maunzte: „Was bist denn Du für ein seltsames Wesen? Eigentlich wollte ich dich ja fressen, aber Du scheinst mir ganz ungenießbar zu sein!“

Die Schildkröte antwortete pikiert: „Mich kann man nicht essen! Ich bin eine Schildkröte, und wenn Du mich frisst, wird Dir sehr übel werden! Lass uns lieber das Brot da teilen. Ich nehme das Salatblatt, und Du den Rest.“

Der Kater fand das einen guten Vorschlag. So aßen die beiden gemeinsam das Brot auf, und begannen, sich zu unterhalten. Der Kater erzählte, dass er meist hier auf den Bahnhöfen – dem Gare de l´Est und dem Gare du Nord lebte, so wie viele andere Streunerkatzen. Er habe einen kleinen Unterschlupf am Gare de l´Est, in einer Mauernische, die er sich wohnlich eingerichtet habe. Meist versorge er sich an dem kleinen Supermarkt in der Nähe des Bahnhofs mit Futter – irgendetwas fände man dort immer. Nachts stromere er allerdings am liebsten durch die Bahnhöfe und jage. Eine Katze sei schließlich ein Raubtier. So sei er auch heute Nacht auf der Jagd gewesen.

Die Schildkröte war nach dem einen Salatblatt noch nicht satt. Aber was konnte sie essen? Es gab überhaupt nichts, was essbar für eine Schildkröte gewesen wäre … So bot der Kater ihr an, sie in seiner kleinen Wohnung zu beherbergen und in seinen Vorräten nach etwas zu Essen für die Schildkröte zu suchen.

gareDie kleine Katzenwohnung war gut versteckt hinter den Abstellgleisen. In der winzigen Vorratskammer des Katers fand sich noch eine Dose Katzenfutter, welches der gute Kater seiner neuen Freundin auch gleich auf einem Tellerchen servierte … aber Schildkröten vertragen kein Katzenfutter.

Seufzend wendete sich die Schildkröte von dem Teller ab. Sie hatte solchen Hunger!
Der Kater bemerkte, dass es der armen Schildkröte nicht gut ging. Ihm fiel ein, dass der Supermarkt nebenan wohl bereits geöffnet haben müsste – die Sonne ging eben auf. Sofort lief er los – und kam schon kurze Zeit später zurück, das Maul voller Salatblätter !

Als die Schildkröte vor einem wahren Festmahl mit Salat und sogar ein paar Stückchen Gurke saß, war sie überglücklich. Sie aß alles ratzeputz auf, ohne aufzusehen. Der Kater lag neben ihr, leckte sich das Mäulchen und meinte kopfschüttelnd „Wie kann man nur dieses Grünzeug fressen!“

Endlich konnte die Schildkröte ihre ganze Geschichte erzählen. Woher sie kam, und wie ihre Reise verlaufen war … und dass sie wieder zurück nach Dresden wolle – zu Jakob!

Der Kater schlug vor, nach einer Bahnverbindung nach Dresden zu suchen. Er brachte die Schildkröte zur nun noch menschenleeren Schalterhalle und half ihr, an einen der Bildschirme zu kommen. Glücklicherweise waren die Bahnangestellten noch nicht bei der Arbeit, sonst wären die beiden Freunde sicher aufgefallen.

Da – ein Reinigungsmensch mit seinem Wagen betrat die Schalterhalle! Der freundliche Streunerkater wurde plötzlich sehr nervös – er konnte seiner neuen Freundin nur noch zurufen: „Ich muss los! Gute Reise – pass auf Dich auf!“ – und weg war er.

Die Schildkröte war traurig. Aber sie wollte ja nach Hause.

Die beste Zugverbindung erschien ihr ein Zug, der nach Strasbourg fuhr. Ihr war nämlich wieder eingefallen, dass Jakob ihr erzählt hatte, er habe eine Tante in Strasbourg. Zu dieser wollte die Schildkröte fahren, um dann mit deren Hilfe auf dem schnellsten Weg nach Dresden zu gelangen. Einen direkten Zug von Paris nach Dresden gab es leider nicht.

IMG_3505Schließlich setzte sich die Schildkröte in diesen Zug nach Strasbourg – einen TGV, mit dem man schnell, bequem und ohne Umsteigen ans Ziel kommt.

Ich habe jedoch das Gefühl, dass die Schildkröte noch einige Abenteuer in Paris erlebt hat, bevor sie zu mir kam – denn zwischen ihrer unfreiwilligen Abreise aus Dresden und ihrer Ankunft ist eine lange Zeit vergangen.

Ich werde die kleine Schildkröte jetzt gut verpacken und mit der Post direkt nach Dresden schicken. Das ist immer noch der sicherste Weg.

Ich hoffe, Jakob achtet von jetzt an gut auf die Schildkröte, damit sie nicht wieder verloren geht! Sie wäre zu traurig.

Allerdings kann sie ja wirklich ganz gut auf sich selbst aufpassen.

Zur Fortsetzung …

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